Konsensgespräche

Rotgrün ist das Wort des Jahres. Und was für ein hoffnungsfrohes! Nun könnte man ja nach allem, was wir 16 Jahre durchmachen mussten, froh und dankbar sein, dass der Wind des Wechsels in diesem Jahr endlich auch Bonn erreicht hat. Mich stört nur, dass die Rotgrünen neuerdings das Unwort des Jahres, die ›Konsensgespräche‹, so wohlfeil im Munde führen.

Das Wort Konsens löst in mir eine instinktive Abwehrreaktion hervor. Ich kann nicht anders, sobald jemand von Konsens spricht, rieche ich gemeinsten Verrat und ziehe – geistig – meinen Revolver.

Aber was sind eigentlich Konsensgespräche? Bisher dachte ich, dass ein Gespräch, anders als die Diskussion oder die Debatte, immer in friedvoller Atmosphäre stattfindet. Demnach müssten Konsensgespräche wie die zuckersüßen Feiertagsplaudereien einer heilen Fernsehfamilie sein. Sozusagen Friede, Freude, Eierkuchen in wohlgeformte flüssige Rede getaucht. Dem ist aber wohl nicht so. Politische, noch dazu wirtschaftspolitische Gespräche, sind die Schlachtfelder der Gegenwart. Konsensgespräche daher die Fortführung des Krieges mit gemeineren Mitteln.

Und nun wollen die Grünen also mit der Atomindustrie Konsensgespräche führen. Der einfache Demonstrant am Bauzaun fragt sich jetzt natürlich, wie die Grünen über ein Thema Konsensgespräche führen wollen, über das in dieser Gesellschaft nie ein Konsens herrschte. Sicherheitszäune um AKWs, Legionen von schwergepanzerten Polizisten, Wasserwerfer, Tränengas, Hunderttausende von Demonstranten, die jahrzehntelang Widerstand leisten – das alles scheint für die Bündnisgrünen vergessen zu sein.

Mit der ganzen kalten Macht des Staates wurde die Kernenergie gegen den Willen von großen Teilen der Bevölkerung in den sechziger und siebziger Jahren in diesem Lande durchgedrückt – und nun soll über den Ausstieg ausgerechnet mit der Gruppe ein Konsens erzielt werden, die sich seit Jahrzehnten daran eine goldene Nase verdient.

Wer sich aber im Politikerdeutsch etwas auskennt, sieht nicht ganz so schwarz. Der in die Riten der Politik Eingeweihte weiß, dass wenn die Rede davon ist, dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens erreicht werden soll, die Mehrheit der Bevölkerung anschließend alles andere als zufrieden ist. Ganz im Gegenteil. Diejenigen, denen man einen Konsens verspricht, werden besonders hinterhältig übers Ohr gehauen.

Mal sehen, ob diese Taktik bei der Atomindustrie auch funktioniert.

Oder habe ich alles ganz falsch verstanden? Soll in den Energiekonsensgesprächen vielmehr ein Konsens zwischen Roten und Grünen erarbeitet werden? Und wer wird dann wen übers Ohr hauen? – Solingen 23. Dezember 1998

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