Dann gehen die Lichter aus

Den deutschen Fernsehanstalten geht das Geld aus. Jetzt müssen sie sogar in den Nachrichten Wiederholungen senden. – Ich meine nicht die Tagesschau von vor 20 Jahren, die jeden Tag im WDR wiederholt wird. Das ist harmlose Nostalgie und als Wiederholung gekennzeichnet. Nein, es geht um die aktuellen Nachrichten, in denen immer häufiger Meldungen aus der Konserve versteckt werden.

Es fiel mir erstmals im letzten Jahr auf. Immer wieder berichteten die Nachrichten über ethnische Säuberungen in Jugoslawien, die heute ›Polizeiaktion gegen Terroristen‹ genannt werden. Flüchtlinge, serbische Offensiven, zerstörte Dörfer, verbrannte Erde, massakrierte Zivilisten – altbekannte Szenen, einfach mit neuem Kommentar versehen, liefen über den Sender. Dann vor einem Monat führte ein durch einen Linux-Cluster jung gerenderter George Bush erneut eindrucksvoll, aber wiederum völlig erfolglos, Krieg gegen den Diktator Saddam Hussein. Und heute fuhr dieser EU-Vermittler Owen mit Lord Chamberlain aus München als NATO-Generäle verkleidet und unter falschem Namen zu Milosevic, um ihm mit aller Entschiedenheit die x-te letzte Mahnung zukommen zu lassen. Als wenn es in Europa nicht auch noch andere Clowns gebe, die gerne mal in Belgrad vor dem Schlächter vom Balkan auftreten möchten. Und dann wollen uns die angeblich vor Ort arbeitenden Journalisten auch noch weismachen, dass gerade jetzt ein besonders furchtbares Massaker stattgefunden habe. Da wird der Zuschauer glatt für dumm verkauft. Jedermann weiß doch, dass Milosevic schon vor Jahren dem Fernsehen grauenvollstes Filmmaterial für mindestens drei Staffeln geliefert hat.

Natürlich geben sich die Sender alle nur erdenkliche Mühe, den kalten Kaffee von vorvorgestern in besonders neumodischen Tassen auszuschenken. So lesen immer wieder andere junge Nachrichtensprecherinnen und -sprecher dieselben verstaubten Meldungen in immer neu gestylten Studiokulissen vor. Als wenn der Zuschauer den Betrug nicht merken würde!

Es gibt natürlich auch Wiederholungsmeldungen, die wir wie ›Dinner for One‹ so richtig lieb gewonnen haben und nicht mehr missen wollen. So zum Beispiel die endlosen Kebbeleien zwischen Israelis und Palästinensern. Aber uns zum hundertsten Male einen siechen Jelzin zu präsentieren, das ist schlimmer als die dritte Wiederholung der Lindenstraße. Und dafür zahlen wir auch noch Gebühren!

Der Gipfel der Unverfrorenheit war jedoch die heutige Meldung, dass das Licht ausgehe, wenn wir die Atomkraftwerke abschalten. Natürlich hat man diesen uralten Unfug aus den siebziger Jahren besonders originell verpackt. Man ließ einen Daniel Cohn-Bendit in Frankreich in der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague auftreten, bzw. nicht auftreten, weil die französischen Gewerkschaften damit gedroht hatten, ihm bei seiner Rede das Licht abzudrehen. Man glaubt es kaum! Sogar die wurmstichige Arbeitsplatzkeule wird von den Journalisten wieder hervorgeholt und nur leicht verändert zur Hauptsendezeit geschwungen: Wenn wir aussteigen, gehen Arbeitsplätze verloren – in Frankreich.

Ich bin gespannt, welche Konserven uns in ›heute‹ und der ›Tagesschau‹ in diesem Jahr noch zugemutet werden. Im März wird vermutlich das Unglück der Exxon Valdez wiederholt. Im Mai wird Bärbel Bohley erneut in der Rolle der aufrechten Kämpferin gegen SED/PDS/SPD-Diktatur glänzen. Und im Sommer senden sie bestimmt eine Wiederholung des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Diesmal als Farce. Und natürlich werden auch die russischen Bergleute wieder streiken. Und am 9. November hat die CDU/CSU die Deutschen dann endlich wieder hinter sich, wenn auf den Marktplätzen gerufen wird: Ein Volk! Ein Pass! Ein Stoiber! Und Otto Schily wechselt dann wieder einmal die Partei. – Solingen 19. Januar 1999

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