Sein, das man nicht verstehen kann

Antwort auf einen Kommentar zu ›Die verstummende Gesellschaft‹ in dem Blog Selbstgespräche.1

Wenn Gadamer sagt, dass Sein, das man verstehen kann, Sprache sei, so meint er damit nicht, dass dies das ganze Sein sei. Es gibt auch Sein, das man nicht verstehen kann. Gefühle und Empfindungen fallen darunter.

Solches Sein kann man erfahren, aber es ist in seiner Unmittelbarkeit nicht verstehbar. Erfahrenes Sein ist jedoch ›mitteilbar‹, da wir als Menschen mehr oder weniger über das gleiche Arsenal von Gefühlen verfügen, können wir *mit*fühlen und *nach*fühlen. Wir können harmonieren und das Gefühl haben, mit einem anderen Menschen in einem bestimmten Moment die gleiche Empfindung zu teilen. Aber wir haben nie Gewissheit darüber, was der andere wirklich fühlt. Wir können Harmonie empfinden, aber wir kommen im Fühlen nicht mit einem anderen Menschen zusammen, da jeder sich selbst fühlt. Wir müssten schon in die Haut des Anderen schlüpfen und mit ihm eins werden, um seine Gefühlswelt als unsere zu erleben.

Natürlich ist es möglich, mit der Sprache Gefühle ›mitzuteilen‹, indem man versucht, sie im Anderen zu evozieren, doch findet hier kein Verstehen statt. Wir erfahren ein Gefühl, von dem wir glauben, dass es dem des Anderen ähnelt, doch es bleibt unser Gefühl, auch wenn es durch die Äußerungen eines Anderen hervorgerufen wurde. In deinem Beispiel mit dem ›Tisch‹ schreibst du selbst, dass ich dir schon sehr nah sein müsste, um zu verstehen, was dir der Tisch ist.

Die Einheit des universalen Fühlens, von der du sprichst, ist dagegen nicht nur eine vorsprachliche Einheit, es ist auch eine Einheit, die dem einzelnen Gefühl, der Liebe, der Trauer, dem Hass, vorausgeht. Wenn wir eins werden in der Erkenntnis, dass wir überhaupt fühlen, dann ist das Etwas, das in dieser Einheit erfahren wird, allgemein und abstrakt, weil es universal und allumfassend ist. Es fällt mit dem Nichts zusammen. (Und ich wende dieses Nichts wie im Buddhismus durchaus ins Positive!)

Ich bin nicht der Meinung, dass die Sprache das Individuum und seine Welt zerbricht, sie schafft beide erst. Am Beispiel deines Tisches lässt sich die weltschöpferische Kraft der Sprache gut demonstrieren. Um mir mitzuteilen, was dir der Tisch mit seiner Geschichte und seinen Schrammen ist, umhüllst du ihn mit Sprache, du beschreibst ihn, du erzählst Dinge, die an ihm vorgefallen sind, du lädst mich ein, mit dir an diesem Tisch zu stehen, damit ich nicht bloß auf deine Worte angewiesen bin, sondern sehen, riechen, fühlen, schmecken kann. Du wirst den Tisch mit Worten und Assoziationen aufladen und ich werde einen Eindruck von diesem Tisch erhalten, der weit über den lexikalischen Eintrag ›Tisch‹ hinausgeht. Dass heißt, dass du mit Sprache, mit Gesten, mit Bildern und Tönen aus einem Tisch mehr als einen Tisch machen kannst. Aber du wirst es nicht schaffen, den ›Tisch‹ aus dem Tisch zu vertreiben. Der ›Tisch‹ ist immer schon da, wenn du über den Tisch sprichst, und er ist auch da, wenn du nicht über den Tisch, sondern über den Halt, die Schrammen, den Geruch des Holzes an einem verregneten Tag sprechen willst. Der ›Tisch‹ schiebt sich ständig dazwischen, wenn du mir etwas über den Halt erzählen willst, den er dir gab. Du musst mit ihm, dem ›Tisch‹ (als Begriff) ringen, indem du mit ihm, dem Tisch spielst, mit Worten, mit Farben oder pantomimisch auf einer Bühne. Kinder machen aus einem Tisch ein Haus, indem sie unter ihm »wohnen«, oder sie drehen ihn herum und er wird zu einem ›Boot‹, aber wenn wir – ja selbst wenn die Kinder – über ihn sprechen, ist der Tisch ein ›Tisch‹. Denn in Wirklichkeit haben sie sich unter einen Tisch gesetzt und den Tisch als ›Haus‹ bezeichnet und damit eine neue Welt geschaffen. Ein Kind sagt »mein Boot ist startklar« und der Tisch sticht in See. Aber es sagt und denkt ›Boot‹, nicht ›Tisch‹, denn ein ›Tisch‹ ist kein Boot. In dieser Hartnäckigkeit der Sprache steckt für mich ihre weltschöpferische Kraft, an ihr schlägt man sich die Nase blutig. Ein ›Tisch‹ bleibt ein Tisch, aber er wird zu einem Boot, wenn ich ›Boot‹ sage. Die Sprache hat so eine doppelte Macht. Sie ist stärker als der Tisch, den ich zerhacken und verbrennen kann, indem sie es nicht zulässt, dass ein ›Tisch‹ etwas anderes wird. Und gleichzeitig ist sie stärker als der Tisch, weil sie ihn, den harten, hölzernen Tisch mit einem Gedankenstrich zu einem ›Haus‹ oder zu einem ›Boot‹ machen kann.

In dem Begriff ›Tisch‹ tritt uns die Zuhandenheit des Tisches, einer der wenigen Begriffe, die mir aus Heideggers »Sein und Zeit« in Erinnerung geblieben sind, entgegen, sein Um-zu. Sobald wir einen Tisch erkennen, ihn als ›Tisch‹ kategorisieren, haben wir auf seine Zuhandenheit reagiert. Das Wort ›Tisch‹ ist also mehr als ein bloßer Name für das Ding, das uns als Tisch zuhanden ist. Es ist der wahre Ausdruck seiner Zuhandenheit.

Wenn uns die Sprache verlorengeht, zerfällt uns die Welt in sinnlose Dinge. Ich beobachte dies gerade bei meiner Mutter. Wenn sie spricht, reiht sie Worte in einer fast noch intakten Grammatik aneinander, die aber keinen Sinn ergeben. Vor einigen Tagen schob sich immer wieder das Wort ›Lakritz‹ in ihr Reden. Dort wo vermutlich etwas ganz anderes stehen sollte, erschien plötzlich das Wort ›Lakritz‹. Manchmal bemerkte sie, dass es nicht passte, und verwarf es, ohne jedoch das richtige Wort zu finden. Doch meistens blieb es einfach erratisch unter den anderen unverbundenen Wörtern stehen. Nun schreibst du, dass wir mit der Sprache nicht die Welt verlieren, »sondern die Illusion, sie zu besitzen.« Das setzt voraus, dass es ›die Welt‹ unabhängig von Sprache gibt. Wenn wir von der gemeinsamen Welt sprechen, ist dies in gewisser Hinsicht richtig. Derjenige, der die Sprache verliert, besitzt sie nicht mehr, kann nicht mehr über sie mit anderen sprechen, er kann sich und seine Welt den anderen nicht mehr mitteilen. Allerdings bezweifle ich, dass er seine Welt überhaupt noch hat. Denn mit der Sprache verliert man doch je seine Welt. Wenn ich meine Welt nicht mehr in Worte fassen kann, ist sie mir und anderen verloren. An ihre Stelle tritt womöglich etwas anderes, eine stark reduzierte Welt, in der ich auf die unmittelbarsten Bedürfnisse meines Körpers zurückgeworfen bin. Aber die Welt, in der ich ehemals lebte, ist mit meiner Sprache untergegangen. Das wird bloß von den anderen gerne übersehen, weil die anderen ihre Sprache und ihre Welt noch haben.

Verlöre die ganze Menschheit die Sprache, ginge auch unsere ganze Welt unter, nicht nur, weil wir uns nicht mehr verständigen und damit nicht mehr kooperieren könnten, sondern weil wir tatsächlich unsere gemeinsame Welt verlören. Die Zuhandenheit der Dinge, ihr Sinn träte uns nicht mehr entgegen. Nicht nur die intellektuellen Erzeugnisse des Menschen, Kunst, Gesetze, Gebräuche gingen unter, auch die Häuser und Straßen zerfielen und die Gärten und Äcker verwilderten. Die Sprache, in der uns die Zuhandenheit der Dinge erscheint, hält all das zusammen.

Ich weiß nicht, welche Gefühle einen solchen Zusammenbruch überstehen würden, die kulturell verfeinerten würden sicher mit der Kultur verschwinden, die kardinalen wie Hunger, Begehren, Liebe, Wut, Angst und Hass blieben uns vermutlich erhalten.

Die Sprache verändert sich und mit ihr die Welt, und die Welt verändert sich und mit ihr die Sprache. Letztlich besteht die Sprache aber aus Gesprächen. Aus gesprochenen Gesprächen und aus aufgeschriebenen. Wenn bestimmte Gespräche, wie in meinem Meister-Lehrling-Beispiel nicht mehr gesprochen werden, hört diese Welt auf zu existieren. Nun könnte man es dabei bewenden lassen. Sprache und Welt verändern sich eben. Nichts bleibt wie es war. Ich wollte jedoch auf den Verlust aufmerksam machen und darauf, dass man ihn nicht einfach kompensieren kann. Das betriebliche Meister-Lehrling-Gespräch ist auf eine konkrete gemeinsame Praxis bezogen und damit authentisch, während die schulische Ausbildung auf eine bloß gemeinte Praxis bezogen und damit auch nicht authentisch ist. Nun hast du darauf hingewiesen, dass in dieser Praxis nicht alles durch und in der Sprache geschieht, sondern vieles auch durch Nachahmung. Ich glaube aber, dass die Sprache den Rahmen bildet, in dem sich Nichtsprachliches vollzieht.

Literatur

tenti: „Sein, das man verstehen kann, ist Sprache“— In: selbstgespräche. 2009. Internet: http://kissanpenikka.wordpress.com/2009/03/13/sein-das-man-verstehen-kann-ist-sprache/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

Fußnoten


  1. Tenti: „Sein, das man verstehen kann, ist Sprache“— In: selbstgespräche. 2009. Internet: http://kissanpenikka.wordpress.com/2009/03/13/sein-das-man-verstehen-kann-ist-sprache/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

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