Neusprech und Kurzdenk in der Atomdebatte (Teil 1)

Immer wieder gehe ich vor dem sprachlichen und intellektuellen Fallout in Deckung, der sich nach der Atomkatastrophe in Japan über die öffentliche Debatte legt. Hier möchte ich einige Punkte, die mich besonders aufregen, aufzeigen.

Sind die deutschen Atomkraftwerke seit Fukushima unsicherer geworden?

Diese rhetorische Frage wird von politischen Kommentatoren zurzeit besonders häufig benutzt, so schreibt etwas Claus Döring in der Börsenzeitung:

»Denn Fakt ist, dass die deutschen Atomkraftwerke (AKW) seit Freitag kein bisschen unsicherer geworden sind als vorher. Die theoretische Wahrscheinlichkeit eines GAU, des größten anzunehmenden Unfalls, ist nicht gestiegen.«1

Die Absicht ist offenkundig. Die auflebende Debatte in der Öffentlichkeit soll als eine rein emotionale Sache abgetan werden. Die Gegner der Atomkraft sind irrationale Menschen, die durch die Bilder explodierender Atomkraftwerke zwar verständlicherweise verschreckt sind, aber nichtsdestotrotz weiterhin unrecht haben.

Nun könnte man auf die Frage antworten, dass die deutschen Atomkraftwerke seit dem Erdbeben in Japan aber auch nicht sicherer geworden sind. Der Kommentator der Börsenzeitung nimmt diese Antwort aber bereits vorweg und wendet sie gegen die Atomkraftgegner.

»Die theoretische Wahrscheinlichkeit eines GAU, des größten anzunehmenden Unfalls, ist nicht gestiegen. Sie wird im Gegenteil als Folge von Fukushima rein rechnerisch eher sinken, wenn abermalige Überprüfungen der Sicherheitskonzepte der deutschen AKW das Restrisiko weiter minimieren.«2

Ich kann mir gut vorstellen, dass dies auch die Taktik der Kanzlerin ist, die jetzt eine Überprüfung aller Reaktoren ankündigt, um später verkünden zu können, dass man die ohnehin hohen Sicherheitsvorkehrungen noch einmal erhöht habe. Damit wäre der Widerstand gegen die Atomkraft erneut in die irrationale Ecke gedrängt, wo er sich seit Jahrzehnten befindet und – das muss man leider sagen – auch wohlfühlt. So stellte sich am vergangenen Montag während der Mahnwache in Solingen ein Demonstrant ans Mikro und reduzierte die Gründe, warum er an der Demonstration teilnahm auf den Satz »Ich habe Angst«. Mit dieser Personalisierung der eigenen Argumente spiegeln die Atomkraftgegner seit Jahrzehnten die durch die Atomlobby vollzogene Irrationalisierung und gehen ihr damit auf den Leim. Dass der Rekurs auf die eigene Angst zudem oft eine bloß ritualisierte Form der Meinungsäußerung ist, macht diese Form des Widerstands noch harmloser.

Die Argumentation der Atomlobby hat jedenfalls seit Jahren großen Erfolg. Zuerst werden die Gefahren der Atomkraft im Begriff ›Restrisiko‹ marginalisiert und anschließend diejenigen, die vor diesem Restrisiko Angst haben, als irrationale Menschen gebrandmarkt, für die man zwar selbstverständlich große Sympathie hat, auf die man aber bei wirtschaftlich relevanten Entscheidungen leider keine Rücksicht nehmen kann, auch wenn man es noch so gerne täte.

Die Katastrophe von Tschernobyl, die den Begriff ›Restrisiko‹ bereits als rhetorischen Trick entlarvte, konnte noch durch den Verweis auf die sowjetische Diktatur und ihre rückständige Technologie affimiert werden. Bei Fukushima wird dies nicht so einfach sein. Die Bilder von den explodierenden Atomkraftwerken in Japan haben den Begriff ›Restrisiko‹ ein für allemal in die Luft gesprengt.

Das könnte für die politische Debatte befreiend sein. Denn mit dem Begriff des ›Restrisikos‹ wurde jede politische Diskussion von vorneherein unmöglich gemacht. Ein ›Restrisiko‹ ist immer schon in Kauf genommen. Es in Frage zu stellen, bedeutet, das Risiko der Existenz nicht mehr auf sich nehmen zu wollen. Das Restrisiko gehört nämlich zwangsläufig zum Leben dazu. Es abzulehnen wäre unreif und irrational. Erwachsene Menschen nehmen dagegen tagtäglich Restrisiken in Kauf.

Die Atomkraftgegner sind, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe3, diesem Trick auf den Leim gegangen. Sie haben der Rede vom Restrisiko ein ›Ja, aber‹ entgegengesetzt und sich damit lächerlich gemacht, weil sie sich auf dieses Restrisiko bezogen haben. Sie haben das Restrisiko darüberhinaus sogar noch verinnerlicht und auf Aktionen verzichtet, die angesichts des marginalen Restrisikos unangemessen schienen.

Das Restrisiko ist etwas für Versicherungsmathematiker, wenn es um dein Leben geht, ist es vollkommen irrelevant.

Die Bilder von Fukushima zeigen uns nun, dass die Atomlobby uns nicht einem Restrisiko aussetzt, das nach den Berechnungen flinker Statistiker viel kleiner ist als das Risiko bei einer Operation ins Koma zu fallen, mit dem Flugzeug abzustürzen oder mit dem Auto zu verunglücken. Die Atomindustrie benutzt eine Technik, die ganze Landstriche verstrahlt, Millionen Menschen obdachlos macht und wirtschaftliche Schäden in astronomischer Höhe verursacht. Eine noch größere Bedrohung für unser Land gibt es nicht, seit sich der Warschauer Pakt aufgelöst hat und keine feindliche Armee mehr damit droht, uns mit Krieg zu überziehen. Leider ist die Atomindustrie ein innerer Feind, gegen den wir die Bundeswehr nicht einsetzen können.

Wer aus dieser Runde des Kampfes als Sieger hervorgehen wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob es der Atomlobby gelingt, den Begriff des ›Restrisikos‹ erneut zu etablieren. Gelingt ihr dieser Coup immer noch, kann sich der Ausstieg noch Jahrzehnte in die Länge ziehen.

Wenn der Bevölkerung jedoch klar wird, dass wir es mit einem Feind zu tun haben, der unserem Land in beispielloser Weise mit Zerstörung droht, dann könnte die Entschlossenheit und der Widerstand so stark anwachsen, dass die Runde diesmal an uns geht. Erst wenn wir die atomare Gefahr nicht mehr nach ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilen, sondern nach ihren tatsächlichen Folgen, wenn der Unfall eingetreten ist, kommen wir zu einer angemessenen Beurteilung der Atomkraft. Und da ist die Antwort einfach. Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt den Einsatz einer Technologie, die so viel Leid und so unermesslich große Schäden verursacht. Damit wäre die Diskussion dann endlich wahrhaft rationalisiert, denn die Rede vom Restrisiko ist nur ein Trick, diese Diskussion von Anfang an zu ersticken. Eine Beurteilung der Folgen nicht nach ihrer Wahrscheinlichkeit, sondern nach ihrer Größe und ihren Auswirkungen würde uns auch in der Frage des Klimawandels zu einem sehr viel entschiedeneren Einsatz drängen als dies bisher der Fall war.

Literatur

Döring, Claus: Gespaltene Welt - Kurztext boersen-zeitung.de. 2011. Internet: https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2011051014. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

Fußnoten


  1. Döring, Claus: Gespaltene Welt - Kurztext boersen-zeitung.de. 2011. Internet: https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2011051014. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

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  2. Ebd. [return]
  3. Siehe Seit 30 Jahren auf der Verliererseite [return]