Die verstummende Gesellschaft

Essay über Sprachlosigkeit und Weltverlust

Sein, das man verstehen kann, ist Sprache, sagt Gadamer in seinem Hauptwerk »Wahrheit und Methode«, in dem er die grundsätzliche Bedeutung der Hermeneutik und der Sprache für unser Weltverständnis erschließt. Verstehen vollzieht sich in und durch Sprache. Immer, wenn wir etwas verstehen, vollzieht sich dieser Akt innerhalb unserer Sprachlichkeit. Neues und Fremdes muss zur Sprache kommen, damit wir es benennen und unserem Sprachhorizont einordnen können. Mit Sprache ist dabei unsere natürliche Sprache gemeint. Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften, oft festgehalten in speziellen Zeichensystemen wie dem mathematischen Zeichencode, werden dem Verstehen erst dann zugänglich, wenn sie in einem hermeneutischen Prozess zur Sprache gebracht werden können. Was bei abstrakten und unserem Alltag oft weit entrückten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Fall ist, gilt umso mehr für unser alltägliches Weltverständnis. Die Welt, in der wir leben, die Welt, die wir verstehen, erscheint uns in der Sprache. Das Verstehen der Welt vollzieht sich als Sprachvollzug. Damit ist kein verantwortungsloser Relativismus gemeint, der sich um die ›reale Wirklichkeit‹ nicht kümmert; wir bezeichnen damit vielmehr die Erfahrung, dass wir nur dann verstehen, wenn wir über etwas reden, wenn wir es zur Sprache bringen und in Worte fassen können. Selbst dann, wenn uns die Worte fehlen, erfahren wir diese ursprüngliche Sprachlichkeit des Verstehens, weil wir plötzlich bemerken, dass uns etwas fehlt. Wenn wir die richtigen Worte nicht finden, fehlt es uns an Verständnis für die Sache. Wir haben eine Sache noch nicht begriffen, wenn wir sie nicht auf den Begriff bringen können.

Sein, das man verstehen kann, ist Sprache – mit Sprache ist aber nicht das tote Regelwerk der Grammatik gemeint, sondern der lebendige Vollzug der Sprache, oder genauer gefasst: das Gespräch. Das Gespräch ist die ursprünglichste Form des hermeneutischen Prozesses. In ihm versuchen zwei Menschen sich über etwas zu verständigen. Sie versuchen im Gespräch über eine Sache ein Einverständnis zu erlangen. Das geht nur, da jedem Gespräch das ursprüngliche Einverständnis zugrunde liegt, das Verstehen in der Sprache geschieht. Dieses ursprüngliche Einverständnis ist selbst dann wirksam, wenn über die Sache, die im Gespräch zur Sprache kommt, keine Einigung erzielt werden kann. Dort wo ein Dialog stattfindet, herrscht bereits ein ursprüngliches Einverständnis der Sprechenden darüber, dass sich das Sein einer Sache in Sprache offenbart und dass ein Einverständnis, wenn überhaupt, nur in der Sprache möglich ist. Das gemeinsame Verstehen einer Sache im Dialog ist die Einheit, die das Gespräch konstituiert. Und die Teilnehmer des Gesprächs verstehen diese Einheit als das ihnen Gemeinsame. Zwei Menschen, die miteinander über etwas reden, treffen einander in diesem Etwas. Ihr Dialog bildet die Innigkeit heraus, die man als Gemeinschaft erlebt. Gemeinschaft vollzieht sich im Dialog selbst dann, wenn man sich über einen Gegenstand nicht einigen kann. Allein das vorgängige Einvernehmen, dass das Wesen einer Sache sich im Dialog auffindet, schafft die Gemeinschaft des Gesprächs.

Die Gemeinschaft des Dialogs lässt sich auch auffassen als die Welt, die sich uns in der Sprache, im Dialog aufschließt. Ein Gespräch hat immer einen Gegenstand, es ist Reden über etwas. Diesem Etwas näher zu kommen, dieses Etwas zur Sprache zu bringen, kennzeichnet das Gemeinsame des Gesprächs und ist gleichzeitig sein Ziel. Ein Gespräch ohne Gegenstand ist ein Unding. Es gibt immer etwas, worauf ein Gespräch abzielt, woraufhin die Beteiligten sich verständigen wollen. Die Summe aller Gegenstände, die in einem Gespräch vorgenommen werden, ist die Welt, in der wir leben. Unser Weltverständnis vollzieht sich also als ein kontinuierliches Gespräch, das sowohl das innere, stille Gespräch des Denkens umfasst, als auch das laute, gemeinsame Gespräch mit anderen. Weltlichkeit und Gemeinschaft entstehen im Dialog zur gleichen Zeit. Die Welt, die uns die Sprache aufschließt, ist die im Dialog gemeinsam erfahrene Welt des Gesprächs. Dass wir dieses Gemeinsame als Gegenstand des Gesprächs titulieren, kann zu einem Missverständnis führen. Man könnte meinen, der Gegenstand sei vor und unabhängig vom Gespräch gegeben, als sei er ein Objekt, auf das sich die Aufmerksamkeit der am Gespräch Teilnehmenden richtet. Dies ist jedoch eine einseitige Betrachtungsweise, bei der ein Selbstbewusstsein dem Gegenstand als prinzipiell fremd gegenübergestellt wird. Die Erfahrung der Gegenständlichkeit der Welt ist jedoch die Folge der Gemeinschaft stiftenden Sprache. Sie erschafft erst eine Welt, die nicht einem allein gehört – sonst wäre sie Wahn – sondern im Gespräch als das allen Gemeinsame erfahren wird.

Was passiert nun, wenn dieses Gespräch verstummt? Wenn das oben Ausgeführte stimmt, so müssen Weltverlust und Einsamkeit die Folge sein. Während wir mit dem Begriff der ›Einsamkeit‹ glauben, etwas anfangen zu können, erweckt der Terminus ›Weltverlust‹ Erstaunen. Kann man etwas verlieren, was doch so selbstverständlich gegeben scheint? Zunächst wollen wir deshalb beide Begriffe näher bestimmen. Wenn Sprache Welt konstituiert, so bedeutet Sprachlosigkeit Weltlosigkeit, was nichts anderes ist als Sinnlosigkeit, denn Welt ist als Horizont der uns begegnenden Phänomene nichts anderes als ein umschließender Sinn des Ganzen. Ohne Sprache kein Sinn. Wem das Sein sinnlos wird, kann es nicht mehr zur Sprache bringen. Oder anders und besser: Wenn das Sein nicht mehr zur Sprache kommt, wird es sinnlos. So fragen wir uns im Angesicht eines sinnlosen Grauens, in welcher Welt wir eigentlich wohnen. Diese Redewendung macht deutlich, dass uns im Nichtverstehen des grausamen Geschehens buchstäblich die Welt verloren geht. Wenn aber der Bezugsrahmen Welt auseinanderfällt, zerbricht auch Gemeinschaft, da beides die zwei Seiten des Einheit stiftenden Dialogs sind. Und da Individualität und Gemeinschaft in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen, geht im Weltverlust auch das Individuum verloren. Es verliert seine Einheit und zerbricht in Vereinzeltes. Wenn die Sprache verstummt, herrscht das Chaos, die totale Beziehungslosigkeit. Dies gilt nicht bloß in extremen Situationen, wenn angesichts eines grausamen Geschehens sich uns die Sprache versagt, sondern auch, wenn alltägliche Gespräche verstummen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: der Meister erklärt dem Lehrling, wie man ein Stück Holz fachgerecht bearbeitet. Der Lehrling fragt nach, weil er nicht sofort verstanden hat und schon haben wir ein Gespräch über etwas. Meister und Lehrling finden im Gespräch zueinander, durch die Sprache haben sie Zugang zu einer gemeinsamen Welt, und erst vor dem Hintergrund der Gemeinschaft erleben sie ihre eigene Individualität, in diesem Fall anhand des Unterschieds zwischen Meister und Schüler, Lehrendem und Lernendem. Die sinnhafte Welt, die hier erschlossen wird, geht weit über die Vermittlung einer bloßen Information hinaus. Gelingt das Gespräch, so lernt der Lehrling nicht nur die richtige Holzbearbeitung, sondern er erlebt Tradition und Erfahrung, deren Wesen sich nur in Gemeinschaft verwirklichen kann. Wenn dieses Gespräch nicht stattfindet, ereignet sich nichts von dem. Es wird keine gemeinsame, sinnhafte Welt erschlossen, es wird weder Gemeinschaft, noch Individualität erfahren. Dieses einfache Beispiel zeigt, dass der Mangel an Lehrstellen nicht allein ein wirtschaftliches Problem ist, sondern ›Weltverlust‹ zur Folge hat. Wer keinen Meister findet, der ihn im Gespräch mit der Welt der Holzbearbeitung bekannt macht, wird in dieser Welt nie wirklich zu Hause sein, ja er wird nicht einmal von ihrer Existenz wissen. Und wenn der Meister keinen Lehrling findet, dem er durch das Gespräch ein Sein als Tischler zur Bewahrung hinterlassen kann, dann wird seine Welt mit ihm untergehen. Dann wird wieder einmal der letzte Meister seines Faches die Pforten seines Geschäfts endgültig schließen und ein weiteres Handwerk ausgestorben und eine ganze Welt verschwunden sein.

Der allgemeine Rückgang der betrieblichen Ausbildung wird zwar teilweise durch Lehrwerkstätten aufgefangen, in denen Auszubildende in einem schulischen Rahmen ein Handwerk erlernen. Es dürfte aber offensichtlich sein, dass diese Form der Weltvermittlung etwas völlig anderes ist, als eine wirkliche Lehre. Schulische Lehrwerkstätten sind nichts anderes als Verwahranstalten für arbeitslose Jugendliche, eine Welt des Als-ob. Sobald die Auszubildenden die Schule verlassen, lassen sie auch die Welt hinter sich, in der sie sich bis dahin befunden haben. Mit dem Wegfall des Lehrgesprächs verschwindet die Welt des Gelernten. Bei echten Lehrlingen ist dies anders, sie bleiben im Betrieb und werden Gesellen.

Sprache konstituiert Welt, das gilt natürlich nicht nur für die Welt eines Handwerks. Dies geschieht auch in anderen Berufen und bei allen Tätigkeiten, bei denen die Tradition eine große Rolle spielt. Überall, wo traditionell gearbeitet wird, entstehen Welten von großer Plastizität und dauerhafter Gegenständlichkeit. Was damit gemeint ist, lässt sich am besten dort bestimmen, wo die Arbeit keinen Traditionsbezug hat, weder einen affirmativen noch einen kritischen, denn selbstverständlich kann man eine bestehende Tradition auch negieren. Wo es keine Tradition gibt, herrscht die Mode. Kehren wir, um dies zu verdeutlichen, noch einmal zu den Jugendlichen zurück, die keine Lehrstelle haben und stattdessen in einem schulischen Zusammenhang leben. Wenn wir ihre Sprache betrachten, so fällt zuerst die große Häufung modischer Worte auf, mit denen ein Gruppenbezug geschaffen werden soll. Diese Worte haben zumeist keinen gegenständlichen Charakter, es sind vielmehr emotionale Ausrufe, die spontane Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken und die Zugehörigkeit des Sprechenden zu einer Gruppe bestätigen sollen. Der häufige Wechsel der Modewörter ist ein bedeutungsvoller Beleg für ihre fehlende Gegenständlichkeit. Sie bezeichnen nicht die Sache, über die man sich in einem Gespräch verständigen will. Das mit diesen Worten geführte Gespräch ist kein Gespräch über etwas, es gibt keinen Gegenstand, der in diesem Gespräch aufscheinen könnte, das Gespräch ist reiner Selbstzweck. Die Worte sind austauschbar, weil sie lediglich einen emotionalen Wert besitzen und dies auch bloß aufgrund ihrer Fähigkeit, einen exklusiven Gruppenbezug herzustellen. Mit dem Gebrauch nutzen sich diese Worte daher schnell ab, sodass sie durch neue Worte ersetzt werden müssen. Bei Worten mit einem tradierten Gegenstandsbezug ist dies nicht so, sie behalten ihre Gültigkeit aufgrund ihrer Gegenständlichkeit, die nichts anderes ist, als das gemeinschaftliche Einverständnis, das wir oben als vorgängige Grundlage des Gesprächs identifiziert haben. Und dieses Einverständnis wächst wiederum auf dem Boden der Tradition, oder um es noch deutlicher zu machen: die Tradition ist dieses Einverständnis, sich im Gespräch über etwas zu verständigen. Das gegenständliche Gespräch konstituiert die Welt, in der wir uns einrichten. Wenn es fehlt, werden wir alle heimatlos, selbst dann, wenn uns die stets erneuerte Mode ein Surrogat von Welt anbietet. Die traditionslose modische Jugendsprache, die längst zu einem Phänomen aller Generationen geworden ist, ist eine weltlose Sprache, eine Sprache ohne Ort, sodass man in ihr nie heimisch werden kann.

Dem oben ausgeführten Beispiel des Lehrgesprächs im Handwerk haftet etwas Altertümliches an, ist doch gerade das Handwerk ein Lebensbereich, den wir als nicht mehr ganz zeitgemäß betrachten. Sind also die bedauerlichen Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, vielleicht nicht die Einzigen, die von Weltverlust betroffen sind? Ist der Verlust der gegenständlichen Sprache ein Zeichen unserer Zeit? Leben wir alle in einer Als-ob-Welt, einer traditionslosen Welt, die ihre Gegenständlichkeit verliert? Zumindest lässt sich eine Beschleunigung konstatieren, die zur Folge hat, dass Worte wesentlich schneller ihren Gegenstand verlieren als früher. Das Vokabular der Computerexperten beispielsweise hat eine äußerst kurze Halbwertszeit. Was heute in aller Munde ist, gehört oft schon morgen zum alten Eisen. Die Sucht nach Neuem lässt Tradition erst gar nicht aufkommen. Und dies gilt nicht nur für den Computerbereich. Überall zählt heutzutage das Neue allein aufgrund seiner Neuheit mehr als das Tradierte. Ob es die Sprache der Marketingfachleute ist oder die der Politiker, überall erheischen Neologismen unsere Aufmerksamkeit und suggerieren Bewegung, wo bloß geschäftiger Stillstand herrscht. Die Worte sind zumeist ebenso austauschbar wie der Jargon der Jugend, sie sind traditionslos, sie bezeichnen keine Gegenstände und erschaffen daher auch keine Gegenständlichkeit. Wo aber nicht über etwas gesprochen wird, da wird gar nicht gesprochen, da wird geschwiegen. Und so erscheint uns unsere oberflächlich betrachtet so kommunikative Gesellschaft in Wirklichkeit als eine verstummende Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der über nichts mehr gesprochen wird.

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