Außer Atem…

…hieß mal ein Film von Jean-Luc Godard. Nein natürlich nicht irgendein Film, sondern der erste Film. Sein erster! Der Film, der ihn und Jean Paul Belmondo schlagartig berühmt machte!

Filmtitel eignen sich immer gut, um Sudeleien zu beginnen. Jedenfalls eignen sie sich besser als Buchtitel. Bei einem Buchtitel erwartet man gleich tiefschürfende Erkenntnisse, also ausgemachte Sauereien. Bei einem Filmtitel hat man Narrenfreiheit, wobei man bei einem Filmtitel dann doch mehr erwartet als bei einem Musiktitel. Bei einem Titel wie ›Satisfaction‹ oder ›Killer Queen‹, von psychodelischen Technotiteln wie ›ypifgj‹ ganz zu schweigen, ist man ja schon zufrieden, wenn einem ein Schlag authentische Straßenliteratur im Stil von Jack Kerouac serviert wird. So eine Art Pommes-Story mit doppelt Majo und doppelt Ketchup. Große Erwartungen dagegen würde ein Titel aus dem Bereich der ernsten Musik erregen. ›The Unanswered Question‹ zum Beispiel oder ›Catacombae – Con mortuis in lingua mortua‹. Da muss schon ein philosophischer Exkurs ins Bodenlose folgen, um die hochgestapelten Erwartungen der Leser noch angemessen befriedigen zu können.

Ich wähle also einen Filmtitel, um meine Sudelei heute an die Frau und an den Mann zu bringen. Worum es in Godards Film geht, würde hier und heute zu weit führen. Und in Wirklichkeit hat dieser Film auch nicht das Geringste mit dem zu tun, was mir seit einigen Tagen, genauer gesagt seit dem 27. September den Atem verschlägt. Oder bin ich der Einzige, der erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass Joschka Fischer so mir nichts dir nichts mit Clinton plauscht – und das auch noch in Krawatte! Wer jetzt glaubt, ich trauerte seinen so viel ursprünglicheren, hessischen Turnschuhen nach, der irrt sich. Und zwar gewaltig. Nicht der designierte Außenminister Fischer erstaunt mich, sondern die Geschwindigkeit, mit der diese Tatsache zur Normalität zu werden scheint.

In ›A bout de souffle‹, wie es auf Französisch noch viel cineastischer klingt, geht es um Handlung im völligen Stillstand. Der Held ist am Ende wieder da, wo er angefangen hat, nur viel schlimmer. Er ist nämlich tot. Das war er zwar schon am Anfang, nur war ihm das da noch nicht bewusst. Ein Politikwechsel ohne Veränderung. Das wäre fast noch schlimmer als weitere vier Jahre Kohl. – Vielleicht ist auch das Gegenteil richtig. Die Unaufgeregtheit, mit der der Regierungswechsel hier bei uns und scheinbar auch in der Welt registriert wird, ist ein Zeichen dafür, dass sich mit dem Wechsel der Regierung auch die Beobachter, die Medien, die gesellschaftlich relevanten Gruppen, wie es im Politikerdeutsch so schön schwammig heißt, verändert haben. Wer gestern noch den rotgrünen Untergang an die Wand malte, scheint heute den Grünen schon wieder gram zu sein, dass sie sich mit 6 Pfennig zufrieden geben. Vielleicht haben die Grünen das Tempolimit dermaßen verinnerlicht, dass sie sich beim Benzin rechts und links überholen lassen. Und das wäre fatal, um nicht zu sagen eine Bankrotterklärung. Wer sich von 5 Mark auf 6 Pfennig runterhandeln lässt, ist ein schlechter Kaufmann.

Aber noch liegen die Grünen nicht so tot da, wie Jean Paul Belmondo in ›Außer Atem‹. Noch ist der Koalitionsvertrag nicht unterschriftsreif und noch hoffe ich darauf, dass mir die Entwicklung den Atem nimmt und nicht den grünen Unterhändlern, denen ich von hier aus einen besonders langen Atem wünsche. – Solingen 11. Oktober 1998

Leserbrief schreiben