…da pell’ ich mir ein Ei darauf

Der Kanzler der Schlangenlinienkompetenz, wie der klare Blonde aus dem Süden sich ausdrückt, will bei den Grünen mehr Fischer und weniger Trittin. Der so Gescholtene sagt dazu: »Auf Rücktrittsforderungen anderer Parteien, da pell’ ich mir ein Ei drauf.«

Schröder, den es wurmt, dass er in den Sympathiewerten noch hinter seinem Außenminister rangiert – obwohl dieser nur zeigt, dass er von Kohl gelernt hat und nichts tut – , scheint ein Profilierungsproblem zu haben. Denn seine Lieblingssprüche drehen sich seit seiner Inthronisation nur noch um Schwänze und Hunde, Köche und Kellner. Jeder, der mal in ein Unternehmen hinein geschnuppert hat, kennt das Phänomen, dass Hochstapler solange befördert werden, bis sie in einem Sessel landen, in dem sie auch dem Dümmsten ihre totale Inkompetenz offenbaren. Und dort ist die Karriereleiter dann zu Ende. Gerhard Schröder hat diesen Gipfel scheinbar erreicht.

Die Sprecherinnen der Grünen nennen Schröder nur noch den Oberpatriarchen, womit sie zum Ausdruck bringen, dass es unter ihm noch andere Patriarchen gibt, wie z. B. Fischer oder Trittin. Ihr Tadel am Koalitionspartner ist daher auch ein kleiner Seitenhieb auf diejenigen, die an ihren Stühlen zu sägen begonnen haben. Ihre Sitzunterlage ist seit dem Hessendebakel auch nicht mehr abrutschsicher. Diese Personalie hat ihren Grund im typisch grünen Personalmanagement, das sich von dem der Wirtschaft (noch) deutlich unterscheidet. Bei den Grünen erklettert man die Karriereleiter viel schneller als bei anderen Parteien, so fern man zu einer proporzgeschützten Minderheit gehört. Hier werden die Proporzanten und Quotenexistenzen im Eiltempo in Positionen befördert, in denen ihnen gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als zu versagen.

Der Ausweg aus dieser Misere kann nur dialektisch sein. So forderte Joschka Fischer, die Grünen müssten endlich erwachsen werden und Jüngeren Platz machen. Ihm kann geholfen werden. Mein sechsjähriger Sohn, den ich vielleicht etwas einseitig erzogen habe, ist immer ganz traurig, wenn die grüne Säule bei den Hochrechnungen so klein ausfällt. Und er fragt mich dann bei der Grafik zur Sitzverteilung: »Und wenn alle Sitze grün wären?« Ich denke dann zwar: Gott möge das verhüten! Sage aber immer: »Ja, das wäre schön!«

Doch zurück zur Verjüngung der Grünen. Mein Sohn hätte noch Termine frei und irgendeine Quote ließe sich für Minderjährige sicherlich finden. Wenn er richtig schreiben gelernt hat, könnte er bei den Grünen ja erst einmal ganz klein anfangen und die vielen E-Mails beantworten, die bei der Partei und der Fraktion aufgelaufen sind. Zwar haben alle Parlamentarier mittlerweile eine E-Mailadresse, doch als ich letztens den Grünen schrieb, dass ich das Antragsformular für eine Mitgliedschaft bei den Grünen erst einmal wieder in die Schublade gelegt hätte, da kam sofort die Antwort eines als Jens Jeschke getarnten Mailrobots zurück:

Wir haben die Mail erhalten und an die Abgeordnete, Frau Kerstin Müller
zur Beantwortung weitergeleitet.

MfG Jens Jeschke, FGF

Wenn der FGF (Fraktionsgeschäftsführungsrobot?) geschrieben hätte: »Schade, ich sag’s der Kerstin«, dann wäre die Sache für mich erledigt gewesen. Nun aber weckt er bei mir die Neugier: was wird mir Kerstin Müller demnächst wohl schreiben? Und Kerstin Müller fragt sich das wahrscheinlich auch und dreht und wendet das weiße Papier auf ihrem Bildschirm (M$Feature!) und zergrübelt sich den Kopf, was sie der parteilosen Basis in Solingen nur Aufmunterndes schreiben könnte.

Vielleicht findet sich in den Parteistatuten ja eine noch nicht erfüllte Quotenregelung parteilose Grüne betreffend, und man macht mich zum dritten Parteisprecher: Ha! Der juh zwischen Röstel und Radcke! Na, so lang mir so coole Sprüche wie Jürgen Trittin einfallen, könnte ich die Karriereleiter vielleicht noch ein ganz kleines Stückchen weiter hinaufpurzeln.

In Zeiten des Aufruhrs ist alles möglich. Und da kommt es im Moment ganz Dicke. Die IG Metall plusterte sich auf 6,5 Prozent auf, grölte was vom Ende der Bescheidenheit, trommelte zum Streik und freut sich nun über 3,2 Prozent. Die Ärzte demonstrieren gegen Rotgrün, die Kurden demonstrieren gegen den roten Halbmond und die Bauern demonstrieren gegen sattes Blau mit gelben Sternchen. Wozu Karl-Heinz Funke, unser aller Landwirtschaftsminister sagte: »Unser größtes Problem ist: Wir haben in Europa zu viele Schweine.« Na, wenn das das Problem ist: Es gibt viel zu tun. Essen wir’s auf! – Solingen 18. Februar 1999

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