Grüne Sozialarbeiter und grüne Hardliner

Die Sozialarbeiter und die Hardliner bei den Grünen sind in diesen Tagen wieder besonders aktiv. Durchdrungen von dem Glauben an das Gute im Menschen versucht ein Teil der Ökopartei zurzeit in Frankfurt und Berlin zwei skrupellose Politgangs zu resozialisieren, die für jeden aufrechten Demokraten unberührbar sind: die CDU und die PDS. Schwarze Kassen, Korruption, Machtmissbrauch, 40 Jahre Freiheitsberaubung – die beiden Vereinigungen aus der politischen Unterwelt haben so einiges auf dem Kerbholz.

Wenn aber ein gestandener Sozialarbeiter es sich in den Kopf gesetzt hat, jemanden wieder auf den rechten Weg zu bringen, dann kennt er weder Freund noch Feind. Und zumeist sind es die Freunde, die unter dem Engagement des Sozialarbeiters leiden müssen.

So ist für grüne Hardliner die schwere und aufopferungsvolle Arbeit grüner Streetworker mitten im tiefsten Morast des west- und ostdeutschen Politsumpfs ein rotes Tuch. Konrad Weiß zum Beispiel nennt das Liebäugeln seiner Partei mit der PDS zornig Verrat an den Idealen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR und verlässt die Partei mit dem trennenden Schrägstrich im Namen ebenso heftig mit der Türe schlagend wie so mancher Veteran des Häuserkampfes in Frankfurt, der es sich nicht vorstellen kann, im Frankfurter Rathaus mit der Hauspartei der Spekulanten gemeinsam den Hausherrn zu spielen.

Sozialarbeiter haben gewöhnlich keine Freunde. Ihre Klientel, in unserem Fall die Spendenabhängigen in Frankfurt und die Maurermeister aus Berlin, verachtet sie als naive Gutmenschen, und die ehrbaren Bürger meiden sie wegen ihres schlechten Umgangs. So muss natürlich jede Koalitionsverhandlung für die Grünen zur Selbstverstümmelung eskalieren. Spricht sie mit der PDS, dieser Partei aus Einheitsgewinnlern, die sämtliche Einheitsverlierer als Anhänger gewonnen hat, so kriegt ein Konrad Weiß verständlicherweise allergischen Hautausschlag. Koaliert sie in Frankfurt mit der CDU Tür an Tür mit dem brutalstmöglichen Ministerpräsidenten , so möchte sich so mancher ehemalige Hausbesetzer aus tiefster Verzweiflung vom höchsten Bankenturm stürzen.

Den Grünen fehlt heute einfach die Integrationskraft, die sie früher auszeichnete. Hausbesetzer, militante Flughafen- und Atomkraftgegner, Schwule, Lesben, Emanzen, Müslibauern, höhere Töchter, kleine Knackis, Ausländer, Öko-Ökonomen, grüne Technokraten, Sozialutopisten, Tierschützer und viele Randgruppen und Minderheiten mehr: sie alle fühlten sich im gemeinsamen grünen Niedrigenergiehaus rundum wohl. Bloß die gelernten DDR-Bürger bestanden auf einer Einliegerwohnung mit separatem Eingang. Früher bemühte man sich sogar darum, dem autonomen Block im Keller eine kleine, ungeheizte Kammer einzurichten, heute fällt es einigen Grünen schon schwer, ehemaligen Stasimitarbeitern und ehemals käuflichen Christdemokraten die Hand über den Gartenzaun hinweg zu schütteln. Immerhin, sind beide, die ehemaligen IMs und die ehemaligen Spendenabhängigen bloß mangels Gelegenheit Ehemalige.

Grüne Streetworker kennen solche Berührungsängste selbstverständlich nicht. Nur haben Sozialarbeiter nicht immer Erfolg und sind dann oft bloß die nützlichen Idioten, die man schamlos ausnutzt, um wieder salonfähig zu werden, damit sich erneut Gelegenheiten bieten und man den Status als reumütiger Ehemaliger endlich ablegen kann. Spätestens dann setzen sich die grünen Hardliner wieder durch, die es immer schon gewusst haben: mit Schmiergeldempfängern und Ex-Kommunisten macht man keine gemeinsame Sache. – Solingen den 19. Juni 2001

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