Der volatile Wähler

Börsenspekulanten würden politische Wahlen zurzeit wohl als äußerst volatile Märkte bezeichnen, in denen man sich auf unerwartet große Kursausschläge gefasst machen muss. Als wäre ein wichtiger Wechsel geplatzt oder als würden Gerüchte über einbrechende Gewinne die Runde machen, wenden sich die Wähler zurzeit von der SPD ab, deren Bundeskurs sie vor gerade einem Jahr auf ungeahnte Höhen getrieben haben. Die CDU freut sich, obwohl die Wähler ihr nicht gerade in Scharen zulaufen. Wären Parteien börsennotierte Aktiengesellschaften würden Schäuble, Rüttgers und Co. bei weitem nicht so triumphieren. Nichtwähler sind eben wie Leute mit Sparbuch. Sie spielen zwar keine Rolle, wenn das große Geld verteilt wird. Aber je weniger Wähler mitspielen, um so krasser werden die Ausschläge beim prozentualen Wahlergebnis. Und wenn die Hälfte der Wähler zu Hause bleibt, dann kann auch die CDU in NRW einmal auf über 50 Prozent kommen, wenn auch bisher nur in einer Kommunalwahl. Wäre das Problem hiermit abgetan, so könnte die SPD wenigstens teilweise aufatmen. Denn auf jeden Börsencrash folgt eine Hausse; Bär und Bulle – sie lösen einander regelmäßig ab beim Tanz ums goldene Kalb. Doch in Deutschland hat sich etwas Grundlegendes verändert. Die Jugend wählt CDU. Ein Unding für alle über 30, dennoch aber eine Tatsache. Nun gerät man schnell in die Versuchung zu vermuten, dass die Spaß- und Loveparade-Generation ihr Gehirn durch Technolärm und Designerdrogen so weit von den lästigen grauen Zellen gereinigt hat, dass es ihnen sowieso egal ist, wo sie in rhythmischer Trance ihr Kreuzchen machen. Doch der Grund für das unerhörte Wahlverhalten der Jungen liegt nicht allein in der unermesslichen Banalisierung ihres Lebens. Ein trauriger Umstand, den es lohnen würde, einmal kulturwissenschaftlich zu untersuchen. Es gibt auch handfeste politische Gründe. Und um diese Gründe zu verstehen, müssen wir ein wenig in die Vergangenheit schauen.

Lebenslang immun

Das erste politische Ereignis, an das ich mich bewusst erinnern kann, war das von der CDU/CSU eingebrachte Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag gegen Willy Brandt am 27. April 1972. Die CDU/CSU wollte damals die Ostpolitik Brandts zu Fall bringen, doch das Misstrauensvotum scheiterte, und der Aussöhnungskurs der SPD wurde in den darauf folgenden Neuwahlen eindrucksvoll bestätigt. Ich war damals 9 Jahre alt. Ich wusste aus Erzählungen meiner Eltern, dass es einen großen Krieg gegeben hatte, an dem Deutschland die Schuld trug. Ich wusste, dass Deutschland gerade im Osten Europas fürchterliche Verbrechen begangen hatte, von denen meine Eltern, damals selbst noch Kinder, aber nichts gewusst haben wollten. Für mich war es selbstverständlich, dass man sich nach einem Streit wieder versöhnt. Und der militante Widerstand der angeblich christlichen Parteien gegen die Versöhnungspolitik der SPD schien für mich geradezu auf einen neuen Krieg hinauszulaufen. Seitdem bin ich immun dagegen, mein Kreuzchen jemals neben der CDU zu machen. Und vielen aus meiner Generation dürfte es ähnlich ergangen sein.

Verpasste Chancen

Später kam das große, meine Generation lange Zeit beherrschende Thema der Umweltzerstörung hinzu, das dazu führte, von der SPD abzufallen und bei den Grünen eine neue politische Heimat zu finden. Als es endlich an der Zeit war, dass meine Generation, wenn auch nur in der zweiten Reihe, an die Macht gelangen sollte, kam die Wiedervereinigung dazwischen, und die CDU konnte ihre Herrschaft im Bund um acht bleierne Jahre verlängern. Die 90er Jahre sind für ökologisch engagierte und politisch links stehende Leute aus meiner Generation ein verschenktes Jahrzehnt. Und wie es heute aussieht, führte die Wiedervereinigung vielleicht sogar zum endgültigen Scheitern des ökologischen Reformprojekts. Wen wundert es da noch, dass viele Wessis den Ossis (insgeheim, denn öffentlich muss man sich über die deutsche Einheit ja freuen) die Schuld dafür geben, dass Rotgrün den richtigen Zeitpunkt zur Machtübernahme im Jahre 1990 verpasst hat. Die CDU dagegen befreite sich in den 90er Jahren von der Rolle der engstirnigen Revanchepartei. Sie förderte unter Kohl die europäische Einheit, und sie ließ sich sogar dazu herab, die polnische Westgrenze anzuerkennen: endgültig und ohne Wenn und Aber.

Kein Impfschutz mehr da

Für die Erstwähler, die vor zehn Jahren die Wiedervereinigung vor dem Fernsehen als ihre politische Initiation erlebten, ist kein Impfstoff gegen die CDU mehr vorhanden. Sie sind alle anfällig dafür, CDU zu wählen. Denn für die Jungen gibt es einfach keine fundamentalen Unterschiede mehr zwischen SPD und CDU. Und auch die Grünen haben sie nicht mehr als ökologische Straßenkämpfer gegen die brutale Wasserwerfergewalt der etablierten Parteien erlebt, sondern als schlichte parlamentarische Oppositionspartei oder sogar als mitregierende Koalitionspartei in Kommunen und Ländern. Sie erlebten sie also als völlig unspektakuläre Partei, die sich mit schwerfällig formulierten Verordnungen und langwierigen und bürgerfernen Gesetzgebungsverfahren auseinandersetzte. Nichts, worauf man abfahren kann.

Die Generation der runden Tische

Die Jungen sind infiziert von einer der schwersten deutschen Krankheiten: der Harmoniesucht. Sie mögen den politischen Streit nicht; sie wollen, dass die Politiker sich zusammensetzen und gemeinsam die Probleme lösen, die anstehen. Sie gehören zur Generation der runden Tische, an denen, wie es so schön heißt, alle gesellschaftlich relevanten Gruppen Platz nehmen, und einen parteiübergreifenden Konsens finden.

Der Wähler als verwöhnter Kunde

Die Jungwähler sind gewohnt, als Kunde umworben zu werden. Für sie muss der Staat funktionieren wie ein kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen. Sie sind in der Politik genauso ungeduldig wie an der Kasse im Supermarkt. Und wenn man bei Aldi zu lange warten muss, geht man beim nächsten mal eben zu Lidl. Der SPD, der CDU, den Grünen oder gar keinem seine Stimme zu geben, das sind für diese Generation prinzipiell gleichwertige Alternativen. Die CDU sollte daher nicht vorzeitig triumphieren. Noch hat sie die Generation der runden Tische nicht als Stammwähler gewonnen. Aber SPD und Grüne werden sich einiges einfallen lassen müssen, um an diese politischen Autisten wieder heranzukommen. Ob es da ausreicht, die angeblichen Erfolge besser zu vermitteln, wage ich zu bezweifeln. Denn gegen die plumpen Versprechungen der Werbung zeigt sich diese Generation weitgehend immun. – Solingen 14. September 1999

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