Der gute Ton in der Politik

Es gehört zum guten Ton in der Politik, die Wähler rechtsradikaler Parteien nicht als Rechtsradikale zu bezeichnen. Als wenn alle Wähler der DVU Analphabeten seien und die Wahlslogans der DVU nicht lesen könnten. DVU-Wähler können lesen; sie können sogar zwischen den Zeilen das lesen, was nicht auf den Wahlplakaten steht.

Es gehört zum guten Ton in der Politik, eine geringe Wahlbeteiligung zu beklagen. Als wenn nicht schon genug Wähler zur Wahl gehen würden, die lieber zu Hause bleiben sollten.

Das ZDF sendete gleich nach der Wahlsondersendung einen schauerlichen Doku-Reißer über Nostradamus. Nostradamus war von Grund auf Pessimist. Deshalb behält er fast immer Recht.

Die Hintergründe: Es waren nicht die Rentner, die der SPD weggelaufen sind, sondern die Jungen. Kann man daraus ableiten, dass bloß die Jungen Angst um ihre Rente haben? Oder muss man im Gegenteil daraus schließen, dass ihnen die Rentenreform der rotgrünen Koalition nicht weit genug geht?

Oder sind Fragen, die dem Vorurteil erliegen, die Wähler würden bei ihren Wahlentscheidungen von der Vernunft geleitet, von vorne herein falsch gestellte Fragen?

Es gehört zum guten Ton in der Politik, den Wählern zu danken. Hat Gerhard Schröder jetzt nicht allen Grund, den Wählerinnen und Wählern im Saarland zu danken?

Und wie lange wird Joschka Fischer noch den Kelch des Parteivorsitzes an sich vorübergehen lassen können? Es gehört zwar zum guten Ton in der Politik, sich bitten zu lassen. Aber man darf nicht so lange warten, bis keiner mehr da ist, der bitten könnte. – Solingen 5. September 1999

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