Sperrmüll

Als ich heute morgen das Haus verließ, standen gerade zwei Müllwagen in der Straße und verspeisten mit lautstarkem Knirschen die alten Wohnzimmerschränke unserer Nachbarn. Mein Sohn schaute dem Mahlen der großen Quetschen fasziniert zu, und ich stellte mir schon vor, wie in wenigen Augenblicken die große hässliche Couchgarnitur, die jetzt noch den Gehweg versperrte, in dem riesigen Müllwagen verschwinden würde. Doch dann fuhren die beiden Müllwagen plötzlich weiter, ohne die Couchgarnitur mitzunehmen.

Nun gibt mir die Entsorgungswirtschaft täglich neue Rätsel auf, und so kann es sein, dass diese beiden Müllwagen für Couchgarnituren nicht zuständig waren und ausschließlich Holzschränke vertilgen. So muss man also abwarten, ob die Stadt den beiden Lignovoren heute noch einen Couchgarnitur fressenden Müllwagen hinterherschicken wird.

Der sperrige Müll, der in unserem Viertel heute überall die Straßen säumt, ist natürlich ein schönes Gleichnis für das, was uns politisch nun bevorsteht. Jeder, der sich schon einmal von einer sechzehn Jahre alte Wohnungseinrichtung verabschieden wollte, weiß, wie schwer das ist. Und jeder, der dann auch noch einen Blick in seinen Keller tut, in dem noch altes Gerümpel aus den späten sechziger Jahren seit 29 Jahren vor sich hin modert, ahnt wovon ich spreche. Allein schon die Aufstellung der Liste! Die Stadt kommt nämlich nicht mehr einfach so vorbei. Die Müllabfuhr will genau wissen, was sie erwartet. Bei der Wohnungseinrichtung geht das ja noch halbwegs. Da ist die Liste schnell gemacht: 1 Wohnzimmerschrank, 1 Couchgarnitur, 1 Einbauküche, 1 komplettes Schlafzimmer. Aber das Gerümpel im Keller zu registrieren, ist eine ziemlich dreckige Knochenarbeit.

Und Möllemann wollte den muffigen FDP-Keller heute morgen ja auch gleich wieder verriegeln und brachte eine sozialliberale Koalition ins Gespräch. Frei nach dem Überlebensmotto der FDP: Zwischen uns und die Macht passt kein Blatt Papier, und erst recht keins mit politischen Grundsätzen. Wie Sekundenkleber haftet die FDP an der Macht. Schröder sollte aufpassen, dass er so einem wie Möllemann nicht die Hand gibt. Der klebt dann womöglich vier Jahre an ihm. Wäre ich in der Verlegenheit, meinen Keller ausräumen zu müssen, würde ich eine Spezialfirma damit beauftragen. Die sollten den ganzen klebrigen Krempel in strahlungssichere Castorbehälter stopfen und in der hintersten Ecke eines finsteren Salzbergwerks verstauen. Aber wie wir wissen, gibt es kein sicheres Endlager. Die Abschreibungsschmarotzer können jederzeit wieder aus ihren Kellerlöchern gekrochen kommen.

Deutschland ist interessanter geworden. Die Wähler haben Kohl in die Geschichtsbücher verbannt. Der Sieg der SPD ist so groß, dass es trotz FDP und PDS im Bundestag noch zu einer bequemen Mehrheit für Rot-Grün reicht.

Aber nicht überall weht heute morgen in Deutschland der frische Wind des Wechsels. Ein kleines Land zwischen Nord- und Ostsee weigert sich standhaft, seine Kurkarten nach der neuen Rechtschreibung zu drucken. Nun ja, ein bisschen Kleinstaaterei muss wohl sein. – Solingen 28. September 1998

Leserbrief schreiben