Sexpiratin

Nein, eine Sexpiratin ist keine moderne Sirene, die sich von Männern entern lässt, um sie zu entmannen. Sie ist auch keine Freibeuterin, die sich am Urheberrecht vergreift und illegal kopierte Pornofilme im Internet zum Download anbietet. Und erst recht handelt es sich dabei nicht um eine Leihmutter, die wie weiland Hagar für die gut betuchte, aber unfruchtbare Sarah unter falscher Flagge ins Bett des ahnungslosen Ehemanns segelt. Nein, es ist viel banaler. Eine Sexpiratin ist eine Landtagsabgeordnete der Piratenpartei in NRW, die über Twitter ihre mehr als 5000 Follower an den Höhen und Tiefen ihres Liebeslebens Teil haben lässt. Dies war nach ihrem Einzug in den Landtag durch einen One-Night-Stand, ein geplatztes Kondom und die daraufhin notwendig gewordenen medizinischen Untersuchungen geprägt. So weit, so trist. Ein Mandat ist auch kein Garant für ein erfülltes Sexualleben. Der Boulevard – und was gehört heute nicht dazu – griff diesen Einblick in das Boudoir der Politik begierig auf. Doch wie so oft ebbte das Interesse auch schnell wieder ab, bis die Sexpiratin kürzlich per Twitter verriet, dass sie nicht an einem ihrer Fraktionskollegen lecken dürfe, die Plenarsitzung unmenschlich lang sei und sie gerne ins Bett möchte.

Seltsamerweise interessierte sich die Presse nicht dafür, wer wen im Düsseldorfer Landtag wo lecken darf. Vielmehr spielte die Presse das Sprachrohr für Abgeordnete der übrigen Parteien, die sich über die Faulheit, die sie in die Piratin hineininterpretierten, fürchterlich aufregten. Wer vom Volk gewählt sei, solle gefälligst seine Arbeit tun und nicht jammern, stammelten sie den Journalisten vor Entrüstung nahezu sprachlos in die Mikros. Immerhin steht für die Politiker viel auf dem Spiel. Sie tun seit Jahrzehnten alles, um beim Wähler die Illusion aufrecht zu erhalten, dass Abgeordnete nicht nur die ganze Zeit im Parlament anwesend und hellwach sind, sondern auch rund um die Uhr in leidenschaftlichen Redeschlachten für unser aller Wohl kämpfen. Dabei wissen wir mittlerweile, dass ein Gesetz auch schon einmal in 57 Sekunden durch die zweite und dritte Lesung rutschen kann, wenn die Abgeordneten lieber ein Fußballspiel sehen möchten. Der Boulevard hätte also den echauffierten Politikern zurecht zurufen können: Wenn ihr mit dem nackten Zeigefinger auf die faule Sexpiratin zeigt, so zeigen drei Finger auf euch zurück!

Das Interesse an der Sexpiratin war erneut nicht von Dauer. Geopolitisch bedeutendere Themen drängten nach vorne. In den USA trat CIA-Chef Petraeus zurück, weil der Vier-Sterne-General mit seiner rassigen Biografin zärtliche Kriegsspiele getrieben hatte. Ein weiterer General ist in die Affäre verwickelt. »Make love ’n war« ist wohl momentan die Parole beim US-Militär. Und bei den Grünen, die gerade eine biedere Kirchenfunktionärin zur Spitzenkandidatin gewählt hatten, geriet ein ehemaliger Schatzmeister in den Verdacht, als Unternehmer im ältesten Gewerbe der Welt tätig gewesen zu sein. Immerhin hat die Sexpiratin eine gewisse Leichtigkeit in die Berichterstattung über die Piratenpartei zurückgebracht. Im Sommer fuhren die Medien noch richtig schwere Geschütze auf, um den Untergang des Abendlandes, vor allem aber den ihrer Geschäftsmodelle zu verhindern. Drehbuchautoren der Tatort-Reihe schrieben gemeinsam mit Managern großer Medienkonzerne offene Briefe, um das heilige Urheberrecht gegen den Angriff barbarischer Piraten zu verteidigen. Man konnte den Angstschweiß der einst so mächtigen Zeitungsverlage förmlich riechen, als sie jeden Urheber, den sie finden konnten, um sich und ihre Pfründe scharten.

Heute, nachdem man die Piraten wieder unter die 5%-Hürde geschrieben hat, nehmen die Qualitätsjournalisten alles wieder etwas leichter. Spiegel Online entdeckte kürzlich sogar das 1400 Seiten starke Antragsbuch für den Bundesparteitag der Piraten in Bochum. Vermutlich war man völlig überrascht, dass in dieser Partei immer noch politisch gearbeitet wird. Wie langweilig, dachten sich die Redakteure und machten sich die Mühe, für ihre Leser aus den 656 Programmanträgen die schnurrigsten heraus zu fischen. Investigativer Journalismus vom Feinsten. Und sie wurden fündig! So beantragte ein Pirat das Ende der chrononormativen Frühaufsteherdiktatur. Freiheit für den Biorhythmus! Ein anderer Antrag, vermutlich eingebracht von Anhängern unserer Sexpiratin, möchte das Recht auf öffentliche Nacktheit im Gesetzbuch verankert wissen. Und die Stigmatisierung von Sexarbeitern – das wird vielleicht die Grünen freuen – soll beendet werden.

Frivol und unterhaltsam – so muss politische Berichterstattung sein. Leider wird das in nächster Zukunft wieder schwerer. Denn am 24. und 25. November 2012 kamen 2000 Piraten aus ganz Deutschland in Bochum zusammen und verabschiedeten Grundsätze zur Europa-, Außen- und Wirtschaftspolitik sowie ein umfangreiches Umweltprogramm. Zwischen Dutzenden von GO-Anträgen fand man sogar eine halbe Stunde Zeit, um über Zeitreisen zu diskutieren. Ein Programmantrag forderte, Zeitreisen noch in diesem Jahrzehnt zu verwirklichen. Ein Pirat, der aus der Zukunft ins Jahr 2012 zurück geschickt worden war, warnte den Parteitag eindringlich davor, diesen Antrag anzunehmen. Der Parteitag folgte seiner Empfehlung und lehnte die Zeitreisen ab. Im Frühjahr 2013 wird in Neumarkt ein weiterer Parteitag stattfinden. Das Piratenprogramm für die Bundestagswahl nimmt Formen an. Die Medien müssen also zurück an die Kanonen, um die Dreimaster der Piraten weiterhin in Schach zu halten. Aber vielleicht twittert sich ja mal – Zeitreisen hin oder her – eine Sexpiratin aus der Zukunft in die Schlagzeilen.

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