Makrobiotisches Stillen und gemeinfreie Liederbücher

Die Piraten erinnern mich oft an die Grünen der frühen 80er Jahre. Traf man sich damals bei den Ökos zum makrobiotischen Stillen, verteilen die Piraten heute gemeinfreie Liederbücher an Kindergärten. Putzig.

Jeder kennt sie die Bilder von den häkelnden Männern und stillenden Müttern auf den Parteitagen der Grünen: diese nette Schrulle aus frauenbewegten Zeiten, dieses unpolitisches Statement des Anderssein. Die Piraten, die an diesem Wochenende einen neuen Vorsitzenden gewählt haben1, erinnern mich häufig an die Grünen der Anfangszeit. Auch bei ihnen gibt es schnurrige, unpolitische Aktionen. So haben sie vor kurzem Liederbücher mit gemeinfreien Texten an Kindergärten verteilt.2 ›Kinder wollen singen‹, und zwar ohne GEMA-Gebühren zahlen zu müssen! So lautet die ziemlich unpolitische Botschaft der Piraten. Ach, hätten wir doch keine anderen Probleme als GEMA-Gebühren im Kindergarten!

Die Welt ist bekanntlich nicht durch häkelnde Männer und stillende Mütter auf grünen Parteitagen besser geworden – sondern wenn überhaupt dann durch neue parlamentarische Mehrheiten.

Heute sind die Grünen eine kleine Volkspartei. Der Grund für diesen Erfolg ist offensichtlich. Die Grünen verkörpern als Partei am glaubwürdigsten das Jahrhundertprojekt ›Überleben‹. Denn mittlerweile haben nicht nur die häkelnden Männer und die makrobiotisch stillenden Mütter verstanden, dass wir unser Leben grundlegend ändern müssen, um im 21. Jahrhundert zu überleben.

Die ökologische Wende, die wir seit rund 40 Jahren miterleben, wird die Welt stärker verändern als die kopernikanische Wende. Das ökologische Denken, das alle wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kreise durchzieht, hat eine neue Epoche eingeläutet, die keinen Vergleich mit der Epoche der Aufklärung zu scheuen braucht. Ertönte im 18. Jahrhundert der Schlachtruf ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹, so lautet die Parole des ökologischen Zeitalters ›Nachhaltigkeit‹. Zugegeben – ein langweiliges und unanschauliches Wort, aber die Apostel des ökologischen Zeitalters sind halt keine wortgewandten Enzyklopädisten.

Die Grünen sind der politische Arm einer großen Bewegung. Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben viele Menschen erkannt, dass uns heute das Wasser bis zum Hals stehen würde, dass wir unseren Kindern einen zerstörten Planeten hinterlassen werden, weil unser Fußabdruck – was für ein blöder Anglizismus – zu groß für einen einzelnen Planeten ist.

Die Grünen gehörten zu denjenigen, die den vom US-Präsidenten Jimmy Carter in Auftrag gegebenen Umweltbericht ›Global 2000‹3 gelesen und verstanden haben. Sie haben danach gehandelt und es unter anderem durch die Förderung der erneuerbaren Energien möglich gemacht, dass wir in wenigen Jahren das letzte Atomkraftwerk abschalten können, ohne dass die Lichter ausgehen. Dank der Grünen gibt es in Deutschland Unternehmen, die in der Umwelttechnik weltweit führend sind. Sie haben die Rahmenbedingungen so verändert, dass diese Unternehmen Fuß fassen konnten. Die Grünen haben die glaubwürdigsten Konzepte für unsere bedrohliche Zukunft. Deshalb gewinnen sie Wahlen.

Die Piratenpartei hat von all dem noch nichts. Sie versucht, sich als eine Partei der Bürgerrechte darzustellen, ohne anzugeben, wozu die Bürgerrechte denn genutzt werden sollen. Wenn wir den Planeten retten wollen, dann müssen wir wissen, was wir dafür tun müssen und wie wir es tun müssen.

Dass die Piraten miteinander streiten, ist vollkommen in Ordnung. Die Grünen haben auch gestritten. Doch als die Grünen gegründet wurden, war das Ziel der Partei bereits formuliert – der ökologische Umbau der Gesellschaft, die Rettung des Planeten: Umweltschutz, Nachhaltigkeit, saubere Energien. Man stritt sich über den Weg, nicht über die Ziele. Bei den Piraten, so mein Eindruck, streitet man sich noch über die Ziele.

Literatur

Global 2000 History. 2011. Internet: http://www.geraldbarney.com/G2000Page.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Kinder wollen singen Piratenpartei - Google-Suche. 2011. Internet: https://www.google.de/search?q=Kinder+wollen+singen+Piratenpartei&gws_rd=ssl. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Pham, Khue: Piratenpartei: „Wir können bei der Wahl 2013 fünf Prozent schaffen“. In: Die Zeit (2011). Internet: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-05/piratenpartei-nerz-2/komplettansicht. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

Fußnoten


  1. Pham, Khue: Piratenpartei: „Wir können bei der Wahl 2013 fünf Prozent schaffen“. In: Die Zeit (2011). Internet: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-05/piratenpartei-nerz-2/komplettansicht. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

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  2. Kinder wollen singen Piratenpartei - Google-Suche. 2011. Internet: https://www.google.de/search?q=Kinder+wollen+singen+Piratenpartei&gws_rd=ssl. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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  3. Global 2000 History. 2011. Internet: http://www.geraldbarney.com/G2000Page.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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