Kein Ruck durch Bayern

Wer jederzeit ins freie Deutschland emigrieren kann, hat gut wählen. Das mögen sich die Bayern am Sonntag gedacht haben, als sie der Amigo-Partei eine Mehrheit bescherten, die es den Schwarzen ermöglicht, fünf Jahre lang alle roten oder grünen Amigo-Untersuchungsausschüsse schon im Keim zu ersticken. Ist da nun ein Ruck durch Bayern gegangen? Ein Rechtsruck? Oder ist das Gegenteil passiert?

Nichts liebt der Deutsche, insbesondere wenn er sich im Aggregatzustand des Bayern befindet, weniger als Fragezeichen. Deshalb hat die SPD momentan auch ganz schlechte Karten, muss sie doch ein durch und durch reformresistentes Land nun, da es überall mehr als zwickt und zwackt, völlig überstürzt in kürzester Zeit zwangsreformieren. Nichts scheucht aber so viele Fragen auf wie eine Reform, außer vielleicht die Agenda 2010, die gleich einen kapitalen Wespenschwarm von Fragezeichen auf den armen Bürger losgelassen hat. Edmund Stoiber hatte es also mehr als einfach. Er brauchte bloß mit einem markigen ›Weiter so, Bayern!‹ ein unumstößliches Ausrufezeichen in die politische Landschaft zu setzen; und schon scharten sich seine Landsleute wie ein Mann um diesen Strohhalm im furchtbar tosenden Reformsturm.

Es ist aber gut möglich, dass der Bayernkönig einen Pyrrhussieg errungen hat. Ganz unvorsichtig hat er vollmundig angekündigt, das Modell Bayern auf ganz Deutschland auszuweiten. Was meint er nur damit? Zweidrittelmehrheit für CDU/CSU bei der nächsten Bundestagswahl? Weißbier mit Weißwurst als Frühstückchen morgens um halb zehn in ganz Deutschland? Weniger Abiturienten von der Nordsee bis zu den Alpen? Weniger Filz, mehr Amigos? Merkels Gesundheitsreformkompromiss oder Seehofers Bürgerversicherung? Blockadepolitik total? Oder zeigt Stoiber seinen Wählern jetzt als Schattenkanzler auch die Folterwerkzeuge der Reform? Fragen über Fragen und ein Fragezeichen nach dem anderen. Das liebt der Deutsche und Bayer gar nicht, sodass des strahlenden Wahlsiegers Zukunft düster aussieht.

Immerhin, wenn alles schief geht, kann Stoiber zu uns ins freie Deutschland kommen und Bundespräsident werden. Den liebt man bekanntlich auch dann, wenn er den Status quo mit lästigen Ruckreden in Frage stellt.

War das nun ein Ruck, der durch das Land der Bayern ging? Oder war es der Wahlstimme gewordene Inbegriff sturer Reformverweigerung? Himmel, noch mehr Fragezeichen! – Solingen den 23. September 2003

Leserbrief schreiben