Der Schneesturm
Überall sprach man Russisch oder Englisch. Das Stück im Düsseldorfer Schauspielhaus gestern war ein russisches Exil-Ereignis: »Der Schneesturm« von Kirill Serebrennikov nach dem Roman von Vladimir Sorokin mit August Diehl und Filipp Avdeev in den Hauptrollen.
Vermutlich schauten sich auch einige Ukrainerinnen und Ukrainer das Stück des russischen Regisseurs an. Ob es viele waren, weiß ich nicht, denn ich kann Russisch und Ukrainisch nicht unterscheiden. Und so kann ich über eine tiefere Verbundenheit von Russen und Ukrainern, die nach dem Tod Putins eine Versöhnung zwischen den Feinden ermöglichen könnte, nur spekulieren.
Die Inszenierung rechnete jedenfalls mit diesem Zulauf, denn das Stück, das in Deutsch und Russisch gespielt wurde, war englisch untertitelt. Die russischen Stellen des Kutschers, gespielt von dem großartigen Filipp Avdeev, wurden aber leider nicht durchgehend übersetzt. Wer den englischen Untertiteln nicht folgen konnte und kein Russisch sprach, musste leider aus der Reaktion im Publikum entnehmen, dass der Kutscher wohl gerade arg geflucht hatte.
Ich ging völlig unvorbereitet in die Vorstellung und brauchte einige Zeit, um in die komplexe Inszenierung einzutauchen. Wie der Titel erwarten ließ, wirbelte Kunstschnee die ganze Zeit über die Bühne und über die großen Leinwände, sodass man glaubte, irgendwann zu erblinden. Serebrennikov überlagert das eigentliche Bühnengeschehen Videoaufnahmen auf mehreren Ebenen. Arzt und Kutscher tragen zeitweise Plexiglashelme mit eingebauten Kameras, sodass ihre Gesichter groß und verzerrt auf der hinteren Leinwand erscheinen, wenn sie auf dem Mobil sitzen und durch den Schnee fahren. Ihre Irrfahrt durch den Schneesturm, wird mit kleinen Puppen in einer Modelllandschaft auf der Bühne nachgespielt, gefilmt und live auf eine Leinwand über der Bühne projiziert. Zusammen mit der mittelmäßigen Tonanlage des Düsseldorfer Schauspielhaus führt das zu einem audiovisuellen Overkill, gegen das sich zu behaupten die Schauspieler alle Mühen auf sich nahmen.
Die Geschichte ist einfach. Der deutsch-russische Landarzt Dr. Platon Iljitsch Garin will so schnell wie möglich in das Dorf Langenweiler reisen, um die Menschen dort gegen eine Seuche zu impfen, die die Infizierten in Zombies verwandelt. Da seine Pferde erschöpft sind, heuert er den Kutscher Kosma an, der ihn in seinem von 50 winzigen Kleinpferden gezogenen Mobil durch den Schneesturm zum Ziel bringen soll. Es beginnt eine mit Metaphern und Surrealismus gesättigte Odyssee durch eine imaginierte russische Schneelandschaft. Sie kommen zum Haus einer liebestollen Müllerin, die mit einem keifenden Zwerg verheiratet ist, sie stoßen auf einen erfrorenen Riesen mit riesigem Ständer, in dessen Nase eine Kufe des Mobils stecken bleibt, sie begegnen dem Steppenvolk der Dopaminern, dessen neues Produkt, eine Pyramide, der Arzt sogleich ausprobiert. Die Droge schickt ihn auf einen Höllentrip: er in einem großen Topf voll Sonnenblumenöl langsam gesotten. Die beiden, Herr und Knecht, verirren sich rettungslos im eisigen Schneesturm, die Reparatur der abgebrochenen Kufe schlägt fehl. Sie drohen zu erfrieren. Der russische Kutscher opfert sich für seinen Herren. Er deckt ihn mit seinem Mantel zu und steckt ihm seine Stiefel an die nackten Füße. Beide, der erfrorene Kutscher und der noch lebende Arzt werden schließlich von futuristischen Chinesen gefunden.
Am Schluss sprang das Publikum sofort auf, um zu applaudieren. Das war jedoch keine reine russische Begeisterung. Diese Standing Ovations scheinen sich im Düsseldorfer Schauspielhaus eingebürgert zu haben; vor einigen Wochen passierte bei »Heroes« das Gleiche. Und doch war es anders. Ein junger Mann, der vor uns in der 16. Reihe saß, ging zur Bühne und überreichte Filipp Avdeev die Blume, die er während des Stücks drei Stunden lang gehütet hatte. Weitere Blumen aus dem Publikum folgten. Und für einen Moment war sie da, die gemeinschaftsbildende Kraft des Theaters, von der die antikisierenden Theaterwissenschaftler so gerne schwärmten.
Ich habe nichts von dem Stück verstanden, was mich bis heute begeistert. In der Nacht danach träumte ich, dass ich einer Theateraufführung in einem Bus in Polen beiwohne, bei dem sich auch die Zuschauer zu Wort melden sollten. Als ich das tat, wurde das Stück sofort unterbrochen und die Schauspieler diskutierten mit mir über irgendwelche tiefsinnigen Fragen. Wir tauschten Visitenkarten aus und schieden als Freunde.
Am 7. November wird “Der Schneesturm” in Düsseldorf noch einmal gespielt.