Verbannung ins All

Wir alle kennen diese Science-Fiction-Filme, in denen Verbrecher und politische Dissidenten auf fernen Planeten in finsteren Bergwerken uns unbekannte Metalle aus dem Fels brechen müssen; darunter der Held, der in den kommenden 90 Minuten das böse Imperium stürzen, die Prinzessin des weisen High-Tech-Priesters heiraten und überhaupt die ganze Menschheit und einige nette Teddybär-Völker in fernen Galaxien retten wird.

Mindestens der Anfang dieser Zukunftsvision scheint jetzt bald Wirklichkeit zu werden. Die Russen, mit ihrer fundierten Erfahrung in der Verbannung von unliebsamen Zeitgenossen, haben nun die Schwelle zum 21. Jahrhundert überschritten und verbannen den ehemaligen Sicherheitsberater von Präsident Jelzin, Juri Baturin, ins Weltall. Am 13. August wurde er zur russischen Raumstation Mir hinaufgeschossen, um da oben inmitten teuren Sondermülls die nächsten Jahrzehnte um die Erde zu kreisen.

Notwendig wurde dieser Schritt, da eine Verbannung nach Sibirien seinen Schrecken verloren hat, seit Alexander Lebed, seines Zeichens ebenfalls in Ungnade gefallener Ex-Sicherheitsberater von Boris dem Großen, im fernsten Ostsibirien Gouverneur geworden ist und als Mongolenfürst den Moskauer Großfürsten das Fürchten lehrt.

Unbestätigten Gerüchten zufolge interessiert sich das Bundesinnenministerium für die innovative Verbannungspraxis der Russen. Es wurden schon Musterverträge mit der russischen Weltraumbehörde ausgehandelt. Danach möchte Kanther in den nächsten vier Jahren jährlich ein Kontingent von zwei bis drei Tausend abschiebe- und rückkehrunwilligen Personen in den Weiten des Alls verschwinden lassen. Sollte sich die Zusammenarbeit mit Moskau bewähren, möchte man das Kontingent auf zehn bis fünfzehn Tausend Personen pro Jahr aufstocken. Das als russisch-deutsches Joint-Venture geplante Unternehmen (Codename V3) sieht vor, dass ein Konsortium der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie in Peenemünde innerhalb von zwei Jahren einen geeigneten Raumtransporter zur Serienreife bringen soll, der die Transportkapazitäten der Truppen des Innenministeriums deutlich erhöhen wird.

Mit der Deutschen Bahn wurde bereits ein Güterwagentransfer ins russische Außenlager vereinbart, so dass einer reibungslosen Entsorgung nichts mehr im Wege steht.

In einer gemeinsamen Pressekonferenz von Innen- und Verkehrsministerium betonten die Minister Kanther und Wissmann, dass die Koalition mit diesen Plänen die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands in den Zukunftsbranchen Verkehr- und Lagertechnologie deutlich gestärkt habe. – Solingen 14. August 1998

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