First of all: no sports!

Winston Churchill oder Alfred Hitchcock, ich bringe die beiden immer durcheinander, soll auf die Frage, warum er so alt geworden sei, gesagt haben: ›First of all: no sports!‹ Diese aufrichtig unsportliche Haltung ist bei dem heutigen Fitness-Wahn natürlich verpönt. Kein Politiker kann es sich heutzutage noch leisten, ohne ein Sportabzeichen vor seine fettleibigen Wähler zu treten. So quälte sich z. B. vor einigen Tagen auch der korpulente Solinger CDU-Abgeordnete Bernd Wilz über den Sportplatz, weil sein kerniger Wahlslogan lautet: ›Ein Mann, der’s anpackt!‹ Fragt sich nur was? Ausgedientes Bundeswehrmaterial für Kameradenwerke in Ostpreußen?

Sport ist überhaupt ein Politikum. So spielt Bayern München heute gegen einen Fußballclub aus Serbien, der von einem international gesuchten Kriegsverbrecher finanziert wird. Der Poschmann vom ZDF fragt zwar die UEFA, warum dieser Club überhaupt spielen darf, seinen Sender und sich selbst fragt er jedoch nicht, warum man ein solches Spiel zur besten Sendezeit im Fernsehen übertragen darf. Wahrscheinlich würde er sich mit dem Argument herausreden, dass das Fernsehen ja auch von den serbischen Kriegsverbrechen berichtet habe. Und der Großteil der fettleibigen Fernsehzuschauer würde dem, eine weitere Bierflasche öffnend, zustimmen.

Sportler, Sportreporter, Sportverbände und die Zuschauer haben seit Jahrzehnten eine dermaßen ausgeprägte Fähigkeit zur Verdrängung entwickelt, dass es eine lohnende psychologische Doktorarbeit wäre, den psychosomatischen Zusammenhang zwischen sportlicher Fitness und politischer Gewissenlosigkeit bzw. zwischen Sportbegeisterung und politischer Ahnungslosigkeit zu untersuchen. Sport ist Mord, sagte mal ein kluger Mann und meinte damit nicht den Herzinfarkt beim Waldlauf, sondern die Olympiade von 1936 in Berlin. Was ist dagegen schon ein Fußballspiel?

Immer häufiger wechseln Sportler nach ihrer aktiven Karriere die Fronten und werden Sportreporter. Das hat den Vorteil, dass sie sportliche Probleme, wie z. B. das Doping, aus eigener Erfahrung, also aus Sicht der Betroffenen verschweigen können. Da kommt es dann zu ganz drolligen Situationen. Heute z. B. las Kristin Otto in den heute-Nachrichten die Sportnachrichten vor und moderierte völlig emotionslos und unbeteiligt einen Filmbeitrag über den Prozess gegen DDR-Dopingärzte an. Diese Verdrängungsleistung ist für eine ehemals muskelbepackte Goldmedaillen-Schwimmerin der DDR durchaus bemerkenswert.

Apropos Deutsche Demokratische Republik: Heute vor 37 Jahren wurde die Mauer gebaut. Wer sich daran noch erinnern kann, ist herzlich eingeladen, seine Erinnerungen an dieses Ereignis im GenerationenProjekt zu veröffentlichen.

Bayern München hat übrigens gewonnen: mit vier zu null. – Solingen 13. August 1998

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