Lasst Pinochet frei!

Mord ist ab einer bestimmten Größenordnung nicht mehr so ganz verboten. Insbesondere als Staatsoberhaupt kann man seinem Herrensport, wie Foltern, Vergewaltigen und Töten, unbesorgt nachgehen. Darin sind sich alle zivilisierten Ländern dieser Erde einig. Es kann sich also nur um einen Irrtum gehandelt haben, dass man Pinochet in Großbritannien verhaftet hat. Und die englischen Gerichte haben diesen Irrtum ja auch schon gebrandmarkt.

Dass die Verhaftung eines ehrenwerten ehemaligen Staatschefs unrechtmäßig ist, haben vielen Briten von Anfang an betont. Frau Thatcher z. B. scheint sich an die mit Pinochet auf den Falkland-Inseln gemeinsam verbrachten sportlichen Wochenenden so gerne zu erinnern, dass sie ganz empört war, als sie von seiner Verhaftung erfuhr.

Doch Gerichtsentscheidung her und Frau Thatchers zarte Gefühle hin, die Sache hat natürlich einen politischen Hintergrund. Die Briten wollten einfach mal zeigen, dass auch sie im Kampf gegen das Böse nicht untätig sind. Der siegreich verlorene Golfkrieg liegt so lange zurück, dass er als Zeugnis für demokratische Standhaftigkeit nicht mehr herhalten kann. Da musste ein neuer Beweis her! Denn die Briten sind in Europa ziemlich ins Hintertreffen geraten: ganz Osteuropa hat seine Diktatoren zum Teufel geschickt, nur in Russland sterben die Präsidenten immer noch im Amt. Doch dies wäre noch nicht so schlimm gewesen. Der eigentliche Antrieb für dieses Husarenstück internationaler Diplomatie ist blanker Neid – und zwar auf uns Deutsche.

Seit Jahren sind wir in aller Welt der Schrecken aller Diktatoren. Seit dem Mauerfall geht es den roten Socken aus Wandlitz so stark an den Kragen, dass es der ehemalige DDR-Staatschef trotz aller internationalen Immunität vorzog, sich dorthin zu verdrücken, wohin sich auch schon die Nazis verdrückt haben, nach Südamerika. Wie gut, dass Kolumbus für uns dieses preiswerte Altersheim für staatlich diplomierte Verbrecher entdeckt hat!

Dann, nachdem die Mühlen des Rechtsstaats – wie nicht anders zu erwarten – nach langem Mahlen die vielen unschuldigen Grenzoffiziere, Politbüromitglieder und Chefspione freigesprochen hat, machten wir, durchdrungen von unserer Mission, den Mullahs den Prozess. Die Mullahs selbst machen uns zwar eine lange Nase und verurteilten, wenn schon denn schon, einen Deutschen wegen Beischlafes mit einer Muslimin gleich zum Tode, aber die Exekutive, also die Killer, sitzen immerhin in Haft.

Damit aber noch nicht genug. Viele Deutsche befürworten einen Militärschlag gegen Milosevic. Sogar der grüne Außenminister verliert beim Anblick Jugoslawiens seinen angeborenen Pazifismus! Das war dann zuviel für die empfindsamen Briten. Schließlich wollten sie sich nicht von den Deutschen links und rechts überholen lassen. Was blieb ihnen also anderes übrig, als den gerade in England weilenden Pinochet zu verhaften und damit aller Welt zu zeigen: Seht her! Das machen wir mit euch, wenn ihr nicht mehr im Amt seid!

Eine übereilte Tat. Und es wird sich auch bald zeigen, dass dies eine Verzweiflungstat war und der Schuss nach hinten losgegangen ist. Die Briten werden Pinochet ziehen lassen müssen und ein halbes Dutzend amtierender Staatschefs wird aufatmen. Und mit diesen Staatschefs meine ich nun nicht die aus Jugoslawien, China, Iran, Irak etc. pp., sondern die aus Spanien, der Schweiz, Frankreich und einigen anderen Ländern, die sich gezwungen sahen, einen Auslieferungsantrag zu stellen, weil Pinochet nicht nur seine Landsleute umbrachte, sondern alle, die ihm in die Quere kamen, ohne Ansehen von Person und Herkunft.

Ich rufe den Briten daher zu. Lasst Pinochet frei! Am besten in der Nähe des Fußballstadions von Santiago de Chile. Und sagt vorher den Müttern Bescheid! – Solingen 30. Oktober 1998

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