Das perfekte Verbrechen

Generationen von Krimiautoren und Kriminellen tüfteln am perfekten Verbrechen. Und mittlerweile herrscht unter den Experten sogar ein gewisser Konsens: Das perfekte Verbrechen ist ein Verbrechen, das gar nicht als solches erkannt wird. Der perfekte Mord ist also ein Unfall oder der als natürlich erscheinende Tod durch Gift. Letzteres hat eine große Tradition. Der Giftmord wurde im Krimi und in der Realität immer wieder mit geradezu meisterlicher Virtuosität ausgeübt. Die meisten Gifte haben jedoch den Nachteil, dass sie im Körper nachgewiesen werden können. Deshalb eignet sich nicht jedes Opfer für einen Giftmord. Ein kerngesunder junger Unternehmer, der nach einem Essen mit seinem Konkurrenten grün anläuft und mit Schaum vor dem Mund unter irren Zuckungen bei Tisch krepiert, weist mit deutlicher Geste auf seinen möglichen Mörder. Und selbst wenn er einfach so tot umfällt, wird eine Autopsie schnell die Ursache ergeben und eine Fahndungsmaschinerie in Gang setzen, die über kurz oder lang Erfolg haben wird. Nein, die idealen Mordopfer sind Alte, Kranke und Schwache, die ja leicht mal ihre Medikamente verwechseln können oder die man nur mal ordentlich erschrecken muss. Jeden Tag eine kleine Dosis über ein oder zwei Jahre verabreicht, und schon kann man ungestört erben.

Giftmischerei ist jedoch riskant. Die Aufklärungsquote in Kriminalromanen und in der Wirklichkeit spricht Bände. Und häufig ist der Mörder noch nicht einmal Nutznießer seiner eigenen Tat. Schon mancher Erbe fand sich nach dem Tod des reichen Verwandten als Enterbter wieder. Mord ist also kein lohnendes Geschäft. Aber Diebstahl, Raub und Erpressung, also Taten, die den Lebensstandard unmittelbar verbessern, sind ebenfalls riskant.

Doch hier befinden wir uns mitten im Feld des wirklich perfekten Verbrechens. Wie wir festgestellt haben, ist das perfekte Verbrechen eines, das man nicht als solches erkennt. Findige Räuberbanden haben daher schon in grauer Vorzeit die Methode der Staatsbildung und des Steuersystems entwickelt. Das Prinzip ist ebenso einfach wie effektiv und wird in zwei Arten angewendet.

Methode (die brutale): Man schwingt sich zum Burgherren auf und presst die Armen und Schwachen aus, bis ein Anderer Burgherr wird.

Methode (die geniale): Man gründet eine Kirche, schwingt sich zum Beschützer der Armen und Schwachen auf und presst sie solange aus, bis durch eine Reformation ein Anderer Nutznießer des Systems wird.

Heutzutage hat man sowohl die brutale als auch die geniale Methode verfeinert und miteinander kombiniert. Das Ergebnis nennt sich Sozialstaat. Und der funktioniert so: Man schwingt sich zum Burgherrn und Beschützer der Witwen und Waisen auf und plündert die Armen und Schwachen aus, bis das Bundesverfassungsgericht diesem Treiben endlich einen Riegel vorschiebt.

Warum aber, so frage ich mich, hat das höchste deutsche Gericht, wenn es denn schon ein Verbrechen erkannt hat, kein Strafmaß und keine Entschädigungsregelung verkündet? Immerhin plündern die kinderlosen Zahnärzte und Dinkis (Double Income no Kids), die Abschreibungskünstler und Subventionsbetrüger aus der Wirtschaft und die Beamten seit über einem Vierteljahrhundert die Krankenkassen, die öffentlichen Kassen und den Geldbeutel der Familien. Eine zehnjährige totale Steuerbefreiung pro Kind wäre das Mindeste gewesen. Dann hätte man vielleicht den Solidaritätsbeitrag (ein Instrument der genialen Methode) wieder drin gehabt, mit dem sich mancher reiche Wessi eine Eigentumswohnung im Osten gekauft hat.

So aber bleibt das Urteil stumpf: ohne rollende Köpfe keine Abschreckung, ohne Wiedergutmachung keine Gerechtigkeit. Klar, dass gestern in Bonn alle das Urteil eilfertig begrüßt haben: nur keine schlafenden Hunde wecken. Aber an einer weiteren Verfeinerung der Methoden wird schon gearbeitet. – Solingen 20. Januar 1999

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