So holen wir uns das Internet zurück

Raus aus Facebook und Twitter; rein ins dezentrale Fediverse! Das sagt sich so leicht. Wie kann die Rückkehr in ein redezentralisiertes Internet konkret gelingen? Wie lässt sich eine demokratische und diskriminierungsfreie soziale Selbstorganisation technisch implementieren? Oder müssen wir hoffen, dass wir erst über die dezentrale Technik das Internet und damit letztlich auch die Gesellschaft wieder redemokratisieren können?

Die Lüge des Plattform-Kapitalismus

Der Plattform-Kapitalismus hat uns in den letzten beiden Jahrzehnten eingeredet, dass neue Technologien disruptiv seien, weil sie nicht nur technische, sondern auch soziale Auswirkungen haben. Das ist jedoch eine Lüge. Dafür dass wir den Plattform-Kapitalisten so leicht auf den Leim gegangen sind, gibt es nur eine Entschuldigung: die technische Entwicklung verlief so schnell, dass wir nur zu gerne glaubten, dass ihre Dynamik auch die Ursache für die gesellschaftlichen Verwerfungen gewesen sei, die wir heute beklagen. Die Disruption besteht aber in Wahrheit darin, dass es den Plattform-Kapitalisten gelungen ist, die dezentrale Struktur des frühen Internets zu monopolisieren. Sie hegten die techno-soziale Allmende einfach ein, um sie als privatwirtschaftliche Ressource ausbeuten zu können. Dass die durch Einhegung gewonnene exploitierbare Ressource hauptsächlich aus persönlichen Daten besteht, ist zufällig und hat die eigentliche sozioökonomische Disruption ca­mou­f­lie­rt. Der plötzliche Datenreichtum, der den Konzernen durch die Einhegung der digitalen Allmende zur Verfügung stand, hat uns geblendet. Anstatt den Hebel unserer Kritik am Wesentlichen, der Einhegung, anzusetzen, tanzten Kritiker und Apologeten gemeinsam um die Goldenen Kälber Digitalisierung im Allgemeinen und BigData im Besonderen. Während die Apologeten dabei aus der Fülle des Datenreichtums heraus argumentieren konnten, predigten die Kritiker – wie die Bettelmönche zur Zeit der Einhegung der Landallmende – eine unattraktive Datenarmut. Die Argumente der Datenschützer verhallten in dieser Diskussion weitgehend ungehört, wie die Worte der sprichwörtlichen Rufer in der Wüste. Und das ist auch kein Wunder, denn sie arbeiteten sich am falschen Objekt ab.

Bis heute wird die digitale Einhegung nur selten als das eigentliche Problem wahrgenommen. Das ist traurig, denn das Internet ist architektonisch ein dezentrales Gebilde, eine weite Landschaft ohne Zäune. Glücklicherweise ist die digitale Einhegung leichter rückgängig zu machen als die Einhegung der Landallmende. Digitale Ressourcen sind nicht begrenzt, sodass man zur Befreiung der digitalen Allmende nicht einmal die juristische Fiktion des Privateigentums in Frage stellen muss. Man muss im Digitalen nicht, wie man es bei Grund und Boden tun müsste, Privatbesitz enteignen und in Gemeineigentum überführen. Die digitale Revolution bestünde einfach darin, die eingehegte Allmende nicht mehr zu nutzen und etwas Neues aufzubauen. Und erfreulicherweise geschieht das gerade.

Die neue digitale Allmende

Überall auf der Welt werden soziale Netzwerke als Commons neu implementiert. Dabei gibt es drei wesentliche Aktionsfelder.

  1. die Entwicklung von Open-Source-Software für dezentrale Netze
  2. die Einrichtung und der Betrieb dezentraler Social-Media-Instanzen und
  3. ihre Nutzung.

In diesem Jahr hat sich die Zahl der Mastodon-Instanzen im Vergleich zu 2017 mehr als verdoppelt. Mastodon ist ein dezentrales Microblogging-Netzwerk und im Augenblick die erfolgreichste Alternative zu Twitter. Die Nutzerzahlen steigen und die Maschen des dezentralen Netzes werden jeden Tag enger geknüpft.

Zwei dieser vielen neuen Instanzen hat mein genossenschaftlicher Webhoster, die Hostsharing eG, eingerichtet. Die erste Mastodon-Instanz betreibt die Genossenschaft unter der Domain hostsharing.coop für ihre Mitglieder. Die zweite Instanz heißt geno.social und soll Genossenschaften und genossenschaftlichen Verbänden als Heimat im Fediverse dienen.

Da ich an der Einrichtung der beiden Instanzen beteiligt war, möchte ich ein wenig über die Hintergründe berichten und den Schritt der Genossenschaft gesellschaftspolitisch einordnen. Die Wahl fiel nicht zufällig auf Mastodon. Denn Mastodon nutzt für die Kommunikation zwischen den einzelnen dezentralen Instanzen das ActivityPub-Protokoll.

ActivityPub Standardisierung als Turbo

Die Datenschutzskandale bei Facebook haben in den zentralen Netzwerken der IT-Giganten Absetzbewegungen ausgelöst. Immer mehr Menschen wollen raus aus dem eingezäunten Garten und rein ins offene Fediverse. Mastodon konnte in dieser Situation besonders viele neue Nutzer anziehen. Über die Gründe dafür habe ich hier spekuliert.

Langfristig wichtiger für die Entwicklung freier sozialer Netze ist aber nicht die Tatsache, dass Mastodon eine gelungene und attraktive Software ist, sondern dass das World Wide Web Consortium Anfang dieses Jahres das ActivityPub-Protokoll standardisiert hat. Die Verabschiedung des Standards wirkt wie ein Turbo. Sie versetzt den freien sozialen Netzwerken einen kräftigen Schub. Denn nun gibt es endlich ein gemeinsames Protokoll, auf das sich alle Projekte stützen können. Bisher hatte jedes Projekt mehr oder weniger sein eigenes Föderationsprotokoll, sodass die verschiedenen Netzwerke untereinander keine Nachrichten austauschen konnten. Wer ein Konto auf einer Diaspora-Instanz hat, kann nicht mit Personen kommunizieren, die auf GNU Social unterwegs sind. Die Projekte haben dadurch das alternative Netz immer weiter fragmentiert. Man machte sich im Ringen um eine kritische Masse von Nutzern gegenseitig Konkurrenz.

Seit der Standardisierung von ActivityPub ist das anders. Neuentwicklungen haben nun ein sicheres Fundament, auf dem sie aufbauen können. Software-Projekte konkurrieren nicht mehr auf Protokollebene miteinander, sodass viele Neuentwicklungen koexistieren können. Anstatt sich gegenseitig zu kannibalisieren, bereichert nun jedes neue auf ActivityPub basierende Projekt das Fediverse.

Mit PixelFed, Peertube und Plume entstehen zurzeit Netzwerke für Fotos, Videos oder Blogs, die über ActivityPub miteinander vernetzt sind. Weitere Projekte listet GitHub auf, das vielleicht bald schon von der dezentralen Codehosting-Lösung GitPub verdrängt wird.

The Fediverse is the next big thing

Im föderierten Universum, dem so genannten Fediverse, werden gerade wichtige Weichen gestellt. Das ActivityPub-Protokoll führt einerseits zu einer technischen Standardisierung der Föderation, was die Kommunikation der Netzwerke untereinander vereinheitlicht. Andererseits diversifiziert sich das Fediverse, indem neben Microblogging-Plattformen wie Mastodon weitere Dienste entstehen, über die man Fotos, Videos, Blogartikel oder Code teilen kann. Dabei sind all diese Dienste untereinander vernetzt und können über ActivityPub Informationen austauschen.

Das Fediverse ist das nächste große Ding. Es wird das Internet wieder dezentralisieren und damit nach Jahren der Monopolisierung zu einer Renaissance seiner emanzipatorischen Kraft führen. Nach der Domestizierung der Menschen in den geschlossenen Plattformen der IT-Giganten eröffnet das Fediverse neue Freiheiten und gesellschaftspolitische Chancen.

Die Qualitätsmedien haben das leider noch nicht begriffen. Sie hypen immer noch zentral organisierte Alternativ-Plattformen zu Facebook & Co., weil sie sich eine Alternative zum Plattform-Kapitalismus nicht vorstellen können oder wollen. Irgendwann aber werden auch sie die Entwicklung nicht mehr ignorieren können.

Dezentrale Technik muss auch dezentral betrieben werden

Die Plattform-Kapitalisten suchen mit Sicherheit schon nach Mitteln und Wegen, um auch das Fediverse einzuzäunen und zu exploitieren. Um das zu verhindern, müssen wir Sorge tragen, dass das Fediverse nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch dezentral betrieben wird. Das Fediverse braucht viele einzelne Betreiber, die sich um die Instanzen kümmern. Und hier kommt Hostsharing und die neue Instanz auf hostsharing.coop ins Spiel, denn die Instanz ist ein gutes Beispiel für ein nachhaltiges Betreiberkonzept.

Bisher bringen engagierte Einzelpersonen das Fediverse zum Laufen. Sie mieten Server an, installieren und warten die Software, moderieren die Instanzen – kurz sie investieren viel Zeit und Geld, um für andere ein hierarchie- und diskriminierungsfreies, soziales Netzwerk zu schaffen. Das Engagement lebt vom Pioniergeist und wird mit der Zeit vermutlich abebben. Soziale Netzwerke auf das Engagement Einzelner zu gründen, ist auf Dauer nicht nachhaltig.

Wenn wir verhindern wollen, dass sich auf dem Fediverse durch Einhegung der kooperativen Plattform neoliberale Geschäftsmodelle aufbauen lassen, die unsere Freiheit irgendwann erneut beschneiden, müssen wir – die Nutzer – die Kosten, die wir verursachen, auch selbst begleichen.

Bisher refinanzieren sich die Entwickler dezentraler Netzwerke und die Betreiber der Instanzen hauptsächlich über Spenden. In Einzelfällen mag das gut funktionieren. Im Allgemeinen wird es jedoch nicht einmal ausreichen, um die unmittelbaren Kosten für die Technik zu tragen. Von einer nachhaltigen Finanzierung ließe sicheres erst dann sprechen, wenn auch die Personalkosten für die Wartung der Instanzen langfristig gedeckt sind.

Der Betrieb einer Social-Media-Instanz verursacht über die unmittelbaren Kosten für Hardware und Systemadministration hinaus auch Kosten aufgrund rechtlicher Risiken. Die netzfeindliche Gesetzgebung in Deutschland und Europa beschneidet die Freiheit der Betreiber, belastet sie mit betriebsfremden Aufgaben und erhöht ihr Haftungsrisiko. Uploadfilter, wie sie die Content-Mafia in Europa durchsetzen möchte, wären beispielsweise das Ende des Fediverse und ein Triumph für die Internetgiganten, die allein in der Lage wären, den technischen, organisatorischen und juristischen Aufwand zu stemmen, der notwendig wäre, um diese Zensur-Infrastruktur aufzubauen.

Reden wir also über Geld!

Finanzierungsmöglichkeiten

Es gibt unterschiedliche Wege, das Fediverse nachhaltig zu finanzieren. Die folgende Aufzählung hat nicht den Anspruch vollständig zu sein.

  1. Man könnte die Nutzung einer Instanz kostenpflichtig machen. Angesichts der Kostenlos-Kultur, die sich insbesondere in sozialen Netzwerken Bahn gebrochen hat, erscheint mir dies keine realistische Option zu sein. Wir zahlen lieber mit unseren persönlichen Daten, als die Leistung, die wir in Anspruch nehmen, mit ein paar Euro zu begleichen.

    Ein Unternehmen wie Mailbox.org, das kostenpflichtige E-Mail-Dienste anbietet, hat jedoch bewiesen, dass es unter bestimmten Umständen doch funktioniert.

  2. Man könnte Vereine gründen, um Instanzen gemeinsam zu betreiben. Die Freifunk-Bewegung zeigt, wie erfolgreich dieser Weg sein kann.

  3. Fediverse-Instanzen ließen sich über den Rundfunkbeitrag finanzieren. Diese Möglichkeit, die ich im Sudelbuch bereits ins Spiel gebracht habe und die hier diskutiert wird, ist nicht so utopisch, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die öffentlich-rechtlichen Medien müssten bloß aufhören, den Internetkonzernen weitere Nutzer zuzuführen, indem sie Facebook-Seiten einrichten, und stattdessen eigene Fediverse-Instanzen betreiben: für sich und ihre Zuschauer und Zuhörer.

  4. Unternehmen, Organisationen und Institutionen könnten ihren Mitgliedern und Mitarbeitern eine Instanz zur Verfügung stellen und den Betrieb über ihre sonstigen Einnahmen finanzieren.

Die Hostsharing eG geht mit hostsharing.coop diesen vierten Weg. Und ich halte diese Finanzierungsmethode für die zurzeit aussichtsreichste. Denn was einmal funktioniert hat, kann wieder funktionieren. Fast jedes Unternehmen betreibt seit Jahrzehnten E-Mail-Server unter der eigenen Domain, damit die Mitarbeiter geschäftlich mit Kunden und Lieferanten kommunizieren können. Alle Universitäten richten für ihre Dozenten und Studenten eigene E-Mail-Adressen ein. Alle wichtigen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Institutionen sind über den eigenen Domainnamen per E-Mail erreichbar. Was im dezentralen E-Mail-System selbstverständlich ist, könnte auch die Entwicklung des Fediverse entscheidend beeinflussen.

Ich hoffe, dass andere Unternehmen dem Beispiel von Hostsharing folgen und für ihre ›Stakeholder‹ – wie man auf gut Neudeutsch sagt – eine Instanz einrichten.

Unrealistisch ist diese Hoffnung nicht, denn soziale Netzwerke werden immer wichtiger. In vielen Bereichen sind sie nicht mehr wegzudenken. Sie laufen der Website und der E-Mail als Kommunikationsmedium immer häufiger den Rang ab. Aufgrund der kritischen Masse nutzten die meisten Unternehmen bisher zwar aus Marketinggründen die datenschutzrechtlich bedenklichen Dienste der IT-Konzerne. Aber das Monopol von Facebook, Twitter & Co. wird gerade gebrochen.

Das offizielle W3C-Protokoll ActivityPub gibt allen Unternehmen, Organisationen und Institutionen die Möglichkeit, auf Basis eines akzeptierten Standards neue Technologien einzusetzen. Bisher war der Betrieb einer eigenen dezentralen Social-Media-Instanz ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Jetzt hat sich ein offizieller Standard herausgebildet, auf den man sich verlassen kann.

Unternehmen, Organisationen und Institutionen können künftig mit einem kalkulierbaren Aufwand eine eigene Social-Media-Instanz für ihre Mitglieder oder Mitarbeiter betreiben und sicher sein, dass sie damit weltweit und plattformübergreifend präsent sind. Jede noch so kleine Instanz stärkt das gemeinsame Netz, sodass mit einem sich selbst verstärkenden Anpassungsprozess gerechnet werden darf. Und vielleicht verschlafen diesmal auch die Kommunen die Entwicklung nicht und begreifen die Internet-Infrastruktur endlich als Kernaufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge. Durch kommunale Fediverse-Instanzen für die Einwohner der jeweiligen Gemeinde hätten dann alle Bürger Zugang zum Fediverse, ohne sich an die IT-Konzerne ausliefern zu müssen.

Niemand weiß heute, ob Mastodon als System in drei Jahren noch eine Rolle spielen wird. Das Schicksal des dezentralen Netzes hängt aber nicht mehr am Erfolg eines bestimmten Software-Stacks. Aufgrund des standardisierten ActivityPub-Protokolls sollte der Wechsel von Mastodon zu einer anderen Microblogging-Lösung auf ActivityPub-Basis so einfach werden wie die Umstellung der E-Mail-Infrastruktur von Exim auf Postfix.

Epilog

Mitglieder der Hostsharing eG wird man zukünftig nicht nur im Fediverse über eine hostsharing.coop Adresse erreichen können. Die Genossenschaft schnürt für ihre Mitglieder ein Bündel aus drei dezentralen Kommunikationsdiensten. Jedes Mitglied erhält neben dem Mastodon-Account auch ein XMPP-basiertes Messenger-Konto und eine E-Mail-Adresse unter der Domain hostsharing.coop. Noch läuft die Testphase. Ich bin aber bereits jetzt über Jabber/XMPP und Mastodon/ActivityPub unter der Adresse juh@hostsharing.coop erreichbar.

Im August gibt es auf der FrOSCon an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg die Gelegenheit, über den Betrieb von gemeinschaftlicher Infrastruktur ausgiebig zu diskutieren. Ich würde mich freuen, dort möglichst viele Leser des Sudelbuchs zu treffen.