Bundesrelikt Deutschland

Die Töchter einer Freundin machten ihr letztens den Vorwurf, dass sie all die tollen Klamotten aus den 70ern einfach weggeschmissen habe. Wer in den 70ern gelebt hat, weiß, dass die Mode damals auch nicht mehr als eine Mode und alles andere als toll war, doch lassen wir dies einmal dahingestellt sein.

Nicht verbergen lässt sich dagegen, dass meine Freundin seit den 70ern ein paar Kilos zugenommen hat, sodass ihr die Kleider aus der Jugend vermutlich schon Anfang der 90er nicht mehr gepasst hätten, wenn sie sie nicht bereits in den 80ern weggeschmissen hätte. Heute, so die Töchter weiter, wären die Klamotten wieder voll in, bis auf die Hemden mit ihren großen Kragen. Natürlich, bis auf besonders grausliche Stilsünden kommt eben alles immer wieder mal in Mode. Und wer den Krempel aus vergangenen Tagen gut aufgehoben hat, kann ihn irgendwann – und sei es überhaupt nicht stilecht auf Ebay – teuer verkaufen. Das ist übrigens in der Politik nicht anders.

Heute Nacht hat sich zum Beispiel eine Partei gegründet, die nichts anderes macht, als in politischen Trödelläden und auf historischen Müllkippen all das aufzusammeln, was andere so wegschmeißen: bis auf die Blauhemden mit den breiten Kragen natürlich. Egal wie abgetragen und fadenscheinig, die Nostalgiker finden alles totschick und wollen es auftragen: von der krassen Rosa Luxemburg bis zum coolen Willy Brandt, von der verklärten DDR-Seligkeit bis zur heroisierten Anti-AKW-Bewegung.

Und von ihrem Second-Hand-Laden für politische Ideen kann die Partei nun prima leben, denn sie ist so gut wie der einzige Anbieter knarziger Antiquitäten aus den letzten 138 Jahren linker Vergangenheiten. Der große Traditionsverein SPD hat dagegen schon vor Jahren die runzlige Mutter Courage entlassen und dafür lieber rassige Dienstleisterinnen auf Stundenbasis gebucht. Und deshalb hat sie nun all jenen wenig zu bieten, die zwar gerne von der neuen Zeit singen, aber ganz schnell mutlos werden, wenn eine neue Zeit in China aufzieht und bei uns nicht alles beim Alten bleibt. Nun steht die SPD da wie meine Freundin: mit leeren Händen.

Dabei kann die SPD im Grunde froh sein, dass die Nostalgiker den ganzen sozialromantischen Krempel aufsammeln, den sie auf ihrem Marsch durch die Institutionen russischer Energiekonzerne hinter sich lassen musste. Sie kann sich fortan voll und ganz darauf konzentrieren, ihren aalglatten Repräsentanten einen angemessenen Posten in der Wirtschaft zu sichern. Und auch die Grünen, die seit ihrer Gründung immer schon Mülltrennung betrieben haben (Fundis hier, Realos dort) und alte Ideale regelmäßig entsorgten, sollten all jenen keine Träne nachweinen, die lieber auf Lafontaines lautem Flohmarkt oder im stillen Tante-Biskys-Laden nach krassen Andenken aus der schrulligen Vergangenheit stöbern, als sich um die Probleme dieses Planeten zu kümmern.

Der Hang museal zu werden, ergreift aber nicht nur die Linke in Deutschland. Auch der flotte Guido, der früher gerne jung und dynamisch mit dem Wohnmobil durchs Land fuhr, verwandelte sich auf dem Parteitag der FDP in eine eingerostete Freiheitsstatue, die sich Alt- und Jung-Liberale nun ins biedermeierliche Wohnzimmer stellen können. – Willkommen im Bundesrelikt Deutschland!

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