EU-Werbeverbote schränken die Meinungsfreiheit ein

Endlich ist der Skandal in der Öffentlichkeit und prangt unübersehbar an den Werbetafeln, den Schwarzen Brettern unserer Demokratie. Die Drucker, die Kinounternehmer, die Verlage, die Werbeagenturen und die Unternehmen der Außenwerbung haben das Banner der Freiheit ergriffen und rütteln die deutsche Bevölkerung wach: ›EU-Werbeverbote schränken die Meinungsfreiheit ein. Werbeverbote – nein danke!‹ So steht es in großen Lettern überall angeschlagen. Brüssel tritt die Menschenrechte mit Füßen. Jetzt gilt es, sich ums Grundgesetz zu scharen! Die Freiheit, die Demokratie, der DAX sind in Gefahr. Der Standort Deutschland verliert an Attraktivität, wenn wir angesichts der Globalisierung der Wirtschaft weltweit verbreitete Botschaften, wie ›Come to where the flavour is‹, nicht mehr empfangen dürfen. Wie sollen wir mit Innovationen Arbeitsplätze schaffen, wenn uns niemand mehr mit Forscherdrang auffordert: ›Test it!‹ Wenn man im High-Tech-Deutschland niemanden mehr auf den ›Geschmack einer neuen Generation‹ bringen darf.

Wer hat uns denn nach dem Zweiten Weltkrieg das intellektuelle Tor zum freien Westen aufgestoßen, wenn nicht der ›Duft der großen weiten Welt‹. Und haben wir die ›Go West!‹-Sprechchöre von 1989 in Leipzig, der Heldenstadt, wirklich schon vergessen? Wer soll die Demokratie denn noch verteidigen, wenn die EU die Tabakwerbung verbietet. Dann darf jeder dahergelaufene Hooligan Keulen schwingend grölen: ›Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!‹ Und niemand darf dem mehr entgegnen: ›Ich rauche gern.‹ Oder: ›Lucky Strike. Sonst nichts.‹

Wehret den Anfängen, kann ich nur sagen! Damit nicht statt des braunen Auswurfs lungenkranker Raucher der braune Sumpf der Nazis unser Land überschwemmt. – Solingen, 25. Juni 1998

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