Ich war auf Facebook, Herr Kommissar

Manche Menschen schauen zu viele Krimis. Aus Furcht, irgendwann einmal nach ihrem Alibi befragt zu werden, lassen sie die ganze Welt an ihrem Tagesablauf Anteil nehmen.

»Bin jetzt auf dem Weg nach Berlin«, erfahre ich von einem entfernten Bekannten auf Facebook. Und um die Glaubwürdigkeit seines Alibis zu untermauern, weist er ein Foto vor, das er gerade geschossen hat. Das Foto zeigt die schönen Beine seiner Sitznachbarin und ist mit Uhrzeit und Positionsdaten versehen. Auf Instagram wird daher neben den Beinen eine Karte angezeigt, auf der genau markiert ist, wo sich der Zug gerade befand, als die Dame ihre Beine übereinander schlug und mein Bekannter auf den Auslöser drückte.

Wenn nun zur selben Zeit jemand in seiner Wohnung mit seinem Taschenmesser erstochen wird – hat mein Bekannter ein bombensicheres Alibi. 645 Follower können bezeugen, dass er heute morgen im Zug nach Berlin saß und die Augen nicht von den Beine seiner Sitznachbarin lassen konnte.

Von anderen Bekannten erfahre ich, dass sie gerade in einer Eisdiele eingecheckt haben. Eine Nachricht, die mich doch sehr überrascht hat. Stundenweise Zimmer in einer Eisdiele zu vermieten, scheint eine Marktlücke zu sein. Man kann neuerdings nicht nur am Flughafen oder im Hotel einchecken, sondern an ganz neuen trendigen Orten. Einige Bekannte checken zum Beispiel in einer Firma ein. Meistens sind dies junge Startups, deren Geschäftsmodell wohl nicht aufgegangen ist und die jetzt offensichtlich ihre Büroräume an Handlungsreisende vermieten müssen. Seltsamerweise lese ich nie, dass man wieder ausgecheckt hat. Das muss aber geschehen sein, da diese Leute kurz darauf woanders einchecken.

Einige meiner Bekannten checken den ganzen Tag über irgendwo ein. Ich habe mittlerweile den Verdacht, dass sie einem alten Gewerbe nachgehen. Aber was geht es mich an, womit meine Bekannten ihr Geld verdienen.

Apropos Geld verdienen. Der Wunsch, bei einer Ermittlung ein unumstößliches Alibi zu haben, ließe sich zu Geld machen. Eine gute Geschäftsidee wäre es beispielsweise, ein universales Gateway anzubieten, das die Alibis ohne den Umweg über Twitter, Instagram, Foursquare und Facebook direkt an die Polizei weiterleitet. Denn mir ist es schnuppe, ob jemand für eine schnelle Nummer mit seinem Mädchen in der Eisdiele ein Zimmer mietet. Das interessiert nur die Polizei. Deshalb sollte das Alibi auch nur in deren Timeline erscheinen und nicht in meiner. Dann wären Twitter und Facebook auch wieder benutzbar.

Und es würde natürlich viel Ärger ersparen. Die Polizei müsste dann nicht im Falle eines Mordfalles zu der Ehefrau meines Bekannten fahren, um sie zu fragen, wo denn ihr Mann zur Tatzeit gewesen sei. Ein Blick in SocialAlibi oder MyAlibi – über den Namen des Dienstes bin ich mir noch nicht im Klaren – und mein Bekannter wäre aus dem Schneider. Seine Frau bräuchte nichts über sein Einchecken in der Eisdiele zu erfahren.

Wer sich bei SocialAlibi oder MyAlibi anmeldet, kann von seinem Handy aus rund um die Uhr Positionsdaten, Fotos und Tonaufnahmen an die Polizei schicken, vollautomatisch im Minutenabstand. Smartphones können das. Einfach das richtige App runterladen und schon braucht man keine Angst mehr vor der Polizei zu haben, vorausgesetzt man ist nicht der Mörder.

Nun hilft so ein App natürlich nicht, wenn der Mord schon passiert ist, bevor man es heruntergeladen hat. Aber auch dann fängt einen das soziale Netz auf und sorgt für ein totsicheres Alibi. So wurde vor kurzem eine Frau aus der Untersuchungshaft entlassen, weil sie in einem Foto markiert wurde, das genau in dem Moment geschossen wurde, als Kilometer weit entfernt ihr Ex-Freund ins Jenseits befördert wurde. Glück muss man haben – und Freunde, die Facebook nach Bildern durchforsten, um jeden zu markieren, mit dem sie zweipunktnullmäßig befreundet sind.

Man darf sich beim sozialen Alibi natürlich nicht dumm anstellen, wie ein anderer Bekannter von mir, der damit prahlte, die Strecke Hamburg – München in vier Stunden geschafft zu haben. Der Führerschein ist nun weg.

Und wenn mein Bekannter im Zug nach Berlin richtig Pech hat, wird die Sitznachbarin, deren Beine er gerade fotografiert hat, auf der Toilette des Zuges ermordet. Dann ist er dran. Da hilft ihm höchstens noch ein Avatar, der zur gleichen Zeit in Indien unterwegs war und dort in einer Eisdiele eincheckte.

Manche Menschen glauben ja, dass die Welt besser würde, wenn die sozialen Medien mehr Transparenz in unser Leben bringen. Ich bin für diesen Glauben zu alt. Die Welt schaut seit Jahren bei ethnischen Säuberungen zu, ohne sie zu stoppen. In Bosnien waren wir damals auch ohne Twitter und Facebook live dabei.

Die Serben hielten es übrigens vor ein paar Tagen für opportun, Ratko Mladić endlich zu verhaften. Ich frage mich, was er wohl in seine Timeline gepostet hätte, wenn es Mitte der 90er Jahre schon Facebook und Twitter gegeben hätte.

Ratko Mladić hat in Srebrenica eingecheckt via Foursquare.
»Die Blauhelme sind echte Weicheier. Stehen rum wie Schuljungen, die man beim Wichsen erwischt hat.«
»Beginnen mit der Säuberung. Wird noch Tage dauern. Macht aber großen Spaß. Pls RT.«

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