Eunuchen sind in

Eunuchen und Kastraten sind der letzte Schrei. Nicht nur in der Musik erfreuen uns Männer mit überraschend knabenhellen Stimmen, nein quer durch alle Schichten der Gesellschaft ist es en vogue, weder Fisch noch Fleisch zu sein und janusköpfig beidseitig gesichtslos zu bleiben. So stößt man nirgendwo an, erregt kein öffentliches Aufsehen und kann sich aus jeder Klemme irgendwie schon wieder herauswinden.

Da Eunuchen sich geschlechtslos durch einfache Teilung vermehren, nimmt ihre Zahl überproportional schnell zu. Kaum ein Bereich, in dem sie mittlerweile nicht die schweigende Mehrheit stellen würden. Wie einst in der verbotenen Stadt haben sie sich wie Motten überall eingenistet und tun alles, um ihre Pfründe zu verteidigen und Veränderungen im Keim zu ersticken. Ursprünglich nur auf Ämtern verbreitet, okkupierten Kastraten und Eunuchen in den letzten Jahrzehnten Parteien, Ministerien, berufsständische Organisationen, Gewerkschaften, Vereine, Verbände, Universitäten, Fernsehanstalten, Radiosender, Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und Wochenzeitschriften.

Und nun breitet sich diese Gattung auch in der Gelehrtenrepublik ungehindert aus. Heute blätterte ich in einem Buch über Schillers Räuber. Es wurde nach den neuen Richtlinien der Deutschen Gesellschaft zur freiwilligen Selbstkastration geschrieben. So gab es im gesamten Buch kein einziges Zitat aus Schillers Bühnenstück, da nach der gängigen Rechtsauffassung der Kastraten das Zitieren von Werken, in denen zu kriminellem Handeln aufgefordert wird, irgendwann einmal strafbar sein könnte. Um auf der sicheren Seite zu sein, erwähnt der Autor, ein bekannter Fernsehredakteur, in seiner 600 Seiten umfassenden Untersuchung Schiller und sein Werk mit keinem Wort, da die Gefahr bestehe, dass jemand nach der Lektüre des Buches in eine Buchhandlung gehen, dort die Reclamausgabe von Schillers Räubern erwerben und – lesen könnte. Um letzte Zweifel an seiner Gesetzestreue zu zerstreuen, hat der Verfasser auf alle Worte verzichtet, die in Sätzen vorkommen können, die zur Gewalt, zum Rauschgiftkonsum oder zum Beischlaf mit Minderjährigen aufrufen. Auf Anraten seines Justitiars hat er schließlich sogar beim Druck auf das Papier verzichtet, da Zelluloseerzeugnisse häufig zur Herstellung von pornografischen und regierungsfeindlichen Zeitschriften benutzt werden.

Der Leser wird sich fragen, woher ich überhaupt weiß, dass der bekannte Fernsehredakteur in seinem wortlosen, auf keinem Papier gedruckten Werk über Schillers Räuber sich nicht in die Gefahr begibt, eine Straftat zu begehen. Das ist ganz einfach. Virtuell ist jeder Fernsehredakteur in der Lage, über alles Mögliche zu schreiben, deshalb muss ich davon ausgehen, das der bekannte Fernsehredakteur auch über Schillers Räuber schreiben könnte. Und weil das so ist, distanziere ich mich ausdrücklich von diesem Buch, in dem nichts mit keinem Wort erwähnt wird und teile auch niemandem mit, wo er das Machwerk erwerben kann. Und einen Link werde ich hier erst recht nicht setzen! Da meine Rechtsabteilung mir dennoch den eindringlichen Rat gab, diese meine Rechtsauffassung unmissverständlich deutlich zu machen, wollte ich mich beim zuständigen Oberstaatsanwalt vorsorglich selbst anzeigen, um für den Fall, dass ich virtuelles Recht in irgendeiner Form verletzt haben könnte, auf ein mildes Urteil hoffen zu dürfen. Leider konnte ich die Telefonnummer der Oberstaatsanwaltschaft nirgends finden, da die Telekom vorsorglich sämtliche Telefonnummern aus ihrem Telefonbuch auf Anraten ihrer Rechtsabteilung gestrichen und auf der Telefonbuch-CD gelöscht hat. Schließlich gibt es unter den Telefonteilnehmern immer wieder auch Päderasten, Markenpiraten und andere Schwerverbrecher. – Solingen 16. August 1998

Leserbrief schreiben