Der Stammtisch des Internets

Wer dem Volk aufs Maul schauen will, der muss in die Eckkneipe gehen und zuhören was der Souverän nach einigen Gläsern Bier und Korn so von sich gibt. Und wenn sich partout kein angeregtes Gespräch entwickeln will, so kann man jederzeit mit ein paar Stichworten, wie Ausländer, Türke oder Ossi bzw. Wessi, den basisdemokratischen Gedankenaustausch in Schwung bringen. Schon kommt man in den Genuss der geballten Volksweisheit, so dass man sich vor der Tatsache zu gruseln beginnt, dass das Gegenüber an der Theke auch wählen darf. Wessen Nerven oder Leber für eine Fahrt durch die Geisterbahn der Bierdunst-Demoskopie zu schwach sind, kann stattdessen morgens in der Straßenbahn in die Bildzeitung des Banknachbarn hinüber linsen, um die Überschriften und damit die mentalen Kapazitäten des Durchschnittsbürgers zu überfliegen. Doch wer erforscht im Zeitalter des Internets noch bei Zigarettenrauch, Alkoholdunst und potentieller Lebensgefahr die Meinungen und Ansichten der schweigenden Mehrheit? Wo doch die Cyber-Stammtische im Internet dem Soziologen auf Mausklick alles bieten, was er in einer Vorortkneipe erst mühsam suchen muss. Die Stammtische des Internets stehen sauber aneinander gereiht im Usenet und sie haben so drollige Namen, wie de.soc.subkultur.gothic oder rec.toys.action-figures.discuss.

Nach der landläufigen Meinung wurden die vielen Newsgruppen als Diskussionsforen für die unterschiedlichsten Interessengebiete eingerichtet. Und so erwarten immer wieder Internet-Neulinge, in einer Newsgruppe Gleichgesinnte zu treffen, mit denen man sich über sein Lieblingsthema, seien es nun Hunde, Katzen oder Linux-Kernel, im legeren Plauderton unterhalten könne. Diesen Unerfahrenen kann man nur zurufen: Welcher Skat-Stammtisch streitet über das richtige Reizen? Welcher Kegel-Stammtisch schiebt ’ne ruhige Kugel? Welcher Burschenschaftler-Stammtisch räsoniert über das Für und Wider von Studiengebühren? All diese Stammtische sind nur gegründet worden, um das Thema ›Deutschland den Deutschen. Ausländer raus!‹ in all seinen Facetten umfassend, tiefschürfend und endlösungsorientiert zu diskutieren. Und ebenso sind die tausendundeins Newsgruppen lediglich eingerichtet worden, um über die RFC-mäßige Benutzung eines Newsreaders zu diskutieren und durch geschicktes Follow-up die Ergebnisse der Diskussion anderen Newsgruppen zugänglich zu machen.

Dem Internet-Novizen geht es wie dem Farbigen in der Stammkneipe der Vikingjugend: er kann sich die Haare blondieren, die Haut pudern, man erkennt ihn doch. Und so nutzt es dem Usenet-Leser auch nichts, die Bedienungsanleitung seines E-Mail-Programms sorgfältig durchzulesen und seine Signatur fein säuberlich mit zwei ›–‹ abzutrennen. Denn dass die alten Herren gemeinerweise ein unsichtbares Leerzeichen dahinter setzen, kann der Fuchs ja nicht ahnen. Frohgemut betritt der Neuling die Newsgruppe. Naja, was er sich da dann anhören darf, kennt der Eingeweihte zur Genüge: Deine Zeilen sind zu lang! Zitiere nicht die ganze E-Mail beim Antworten! Deine Signatur ist zu lang! Deine Signatur ist falsch abgetrennt! (Hähä, das unsichtbare Leerzeichen!) Schaff’ dir erstmal einen Realname an! Lies erst einmal die RFC345 bis 1138, 5 MB FAQs und – falls Unix-Nutzer – eine halbe Festplatte Manpages durch – und dann komm wieder!

Wer daraufhin die RFCs durchliest, wird nie wieder Zeit haben, zu posten und feststellen, dass auch der alte Herr sich nicht an die RFC gehalten hat. Und wenn er dies nun in der Stammkneipe des bärbeißigen NetCops kundtut, dann – na wer würde einem leibhaftigen Skinhead in einer richtigen Glatzenkneipe schon den Unterschied zwischen ›mir‹ und ›mich‹ erklären!

In internationalen Newsgruppen, also in amerikanischen, wird natürlich nicht über solche trivialen Themen diskutiert. In diesen Gruppen geht es um Weltbewegendes, es sollen Nazis und jüdische Weltverschwörer entlarvt oder der transatlantische Bananenkrieg entschieden werden. Daneben kümmern sich diese internationalen, also englischsprachigen Newsgruppen natürlich auch um die Völkerverständigung. So ist zum Beispiel die Newsgruppe soc.culture.german ein Hort der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft. Wer dem Volk aufs Maul schauen will, sollte in Dejanews einmal den Thread: ›Justice, American Style‹ nachlesen, oder ›LaGrand‹ eingeben. Die amerikanischen Newsgruppen sind zudem völlig immun gegen PC, was nicht Personal Computer bedeutet, sondern Political Correctness und eine neumodische Umschreibung für geziertes Schönreden ist. Für den Soziologen sind Newsgruppen also unschätzbar. Nur hier sagen die Amis noch, was sie wirklich denken. Insbesondere über uns Deutsche. – Solingen 8. März 1999

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