»Ich bin Antisemit. Und das ist auch gut so!«

Der Wahlspruch der emanzipierten Demokraten

War es gestern noch ausgesprochen schick, sich als schwul oder lesbisch zu outen, muss man heutzutage einen gepflegten Antisemitismus zur Schau tragen, um angesagt zu sein. Es kann nicht mehr lange dauern, bis einer von Möllemanns emanzipierten Demokraten sich hinstellt und uns allen eröffnet, er sei Antisemit und das sei auch gut so.

Nicht nur der schnauzbärtige Möllemann liebt es, mit antisemitischen Andeutungen zu jonglieren, auch andere versuchen auf den Zug aufzuspringen. Während der FDP-Vize wohl glaubt, dass seine Partei nur dann die magischen 18 Prozent erreicht, wenn sie neben ihren 3 Prozent Stammwählern auch noch die 15 Prozent Antisemiten mobilisieren kann, die es üblicherweise in unserer Gesellschaft gibt, hat Martin Walser nach seiner Friedenspreisrede offensichtlich Blut geleckt und möchte die Absatzzahlen seiner Bücher ebenfalls mit kleinen antisemitischen Nadelstichen in die Höhe treiben. Beiden geht es nach eigener Aussage um Emanzipation. Walser möchte nicht mehr an Auschwitz erinnert werden und Möllemann will, wie er sicher nicht zufällig ausgerechnet im Neuen Deutschland schrieb, mit Le Pen, Haider und Fortuyn die Demokraten emanzipieren. Und Haider übt sich auch gleich in echter Nibelungentreue.

Doch von wem oder was sollen wir Demokraten uns emanzipieren? Von den Juden? Von Ausländern und Asylbewerbern? Vom guten Geschmack? Oder gar wie 1933 von der Demokratie selbst, die uns Demokraten so schwere Lasten wie ständige Wahlen, nutzlose Gewaltenteilung und enervierende Rechtsstaatlichkeit aufbürdet?

Der Spaßpartei, die sich schon vor Jahren von allen politischen Leitbildern und Programmen rückstandsfrei emanzipierte und ohne den Ballast politischer Zielvorstellungen auf der jeweiligen Zeitgeistwelle zurück zur Macht surft, ist das Lachen im geschwollenen Hals steckengeblieben. Sie sind da angelangt, wo jede Partei endet, die kein Programm außer das der Machtergreifung besitzt: im Sumpf des Populismus.

Doch entsteigen wir den Niederungen der Politik und erklimmen den lichten Elfenbeinturm der Literatur. Dort hockt Martin Walser, der sich in der Frankfurter Paulskirche auf Kosten anderer von der Vergangenheit befreite, auf seinem neuesten Werk, einem Roman mit dem vielsagenden Titel: Tod eines Kritikers. Dieses Buch ist, will man Frank Schirrmacher glauben, ein längeres Gedankenspiel, in dem Walser seinen schriftstellernden Erzähler einen jüdischen Kritiker mit dem klingenden Namen André Ehrl-König nein nicht wirklich ermorden lässt. Dies verbietet bekanntlich die Gedankenpolizei und der Zentralrat der Juden, vor dem die Antisemiten so eine Heidenangst haben, sodass Walser im Roman, also im Gedankenspiel, mit der Ermordung Marcel Reich-Ranickis, denn um ihn geht es natürlich, bloß gedanklich spielt. Denn der Kritiker wird gar nicht ermordet, weder im Roman noch in Wirklichkeit, er taucht, im Roman nicht in Wirklichkeit, bloß einige Tage ab, um mit seiner Geliebten ein paar lustvolle Tage zu verbringen.

Diesen Roman, bei dessen Abfassung Walser die Wonneschauer der geistigen Emanzipation wohl nur so über den durch die Last der oktroyierten Zerknirschung gebeugten Rücken geflossen sein müssen, dieses Werk diente er der FAZ zum Vorabdruck an, wohl wissend, dass die jüdische Weltverschwörung an deren Spitze der langjährige FAZ-Kritiker Marcel Reich-Ranicki schaltet und waltet, diesen Vorabdruck mit allen Mitteln hintertreiben würde.

Nun hat der Herausgeber des FAZ-Feuilletons, Frank Schirrmacher, den Vorabdruck nicht nur abgelehnt, sondern diese Ablehnung auch noch öffentlich begründet. Nun gibt es vier Möglichkeiten:

  • Walser ist Antisemit und Schirrmacher, der das endlich erkannt hat, möchte ihn dafür nicht auch noch entlohnen.
  • Schirrmacher hat Walser missverstanden, denn Walser wird seit seiner Friedenspreisrede grundsätzlich von allen nicht emanzipierten Demokraten missverstanden. Dann werden wir nicht lange warten müssen, bis Walser dieses Missverständnis durch einen offenen Brief im ›Neuen Deutschland‹1 vertiefen wird.
  • Schirrmacher ist der Büttel der jüdischen Weltverschwörung, die in Person des Großinquisitors der deutschen Literaturkritik, hinter den Kulissen die Marionetten tanzen und einen der wichtigsten Romane aus dem über uns hereinbrechenden Zeitalter der Emanzipation der Demokraten unterdrücken lässt.
  • Walser und der Suhrkamp-Verlag zahlen Schirrmacher dicke Prozente dafür, dass dieser ein Werk mit einem so kassenträchtigen Thema wie den ›Erfahrungen eines Autors mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens‹ zu einem handfesten Literaturskandal aufbauscht, der Walser in aller Welt so bekannt machen wird, dass man ihn mit dem nächsten Harry-Potter-Band beauftragen wird.

Ich tendiere zur letzten Verschwörungstheorie, denn Sex sells schon lange nicht mehr! Jetzt steigert wohldosierter Antisemitismus den Absatz! Und es ist kinderleicht. Oft genügt es, die Frisur von Michel Friedman in der Öffentlichkeit als scheußlich zu bezeichnen, um auf einer Party zum gesuchten intellektuellen Mittelpunkt zu werden. Da raunen dann die emanzipierten Demokraten: Endlich einer, der sich traut die Wahrheit zu sagen! Endlich einer, der den Mut hat, dem allmächtigen Zentralrat der Juden furchtlos ins Gesicht zu sehen! Es tut einfach gut, wenn man seinen Frust über den T-Euro und die T-Aktie wie anno 1929 bei den jüdischen Friseuren abladen darf! Schließlich verschafft es dem intellektuellen Harndrang eine sehr viel größere Erleichterung, wenn man sich über die Frisur eines Juden und nicht bloß über die von Frau Merkel echauffieren kann.

Es kann nicht mehr lange dauern, bis sich Gerhard Schröder in die Diskussion und den Kampf um die emanzipierten Demokraten einschaltet, schließlich hat er den Prozess um seine ungefärbten Haare gewonnen und damit ein echtes Argument im Wahlkampf. Keine gefärbten Haare, keine falschen Zähne: alles echt! Wenn das die Antisemiten nicht in Scharen zur SPD treibt, dann weiß ich es nicht.

Doch kehren wir zu Martin Walser zurück, der nun, da Ignatz Bubis nicht mehr lebt, sich einen neuen Gegner suchen und ihn in Marcel Reich-Ranicki wohl finden musste. Da spielt Walser also in Gedanken mit dem Gedanken einen jüdischen Rezensenten totzuschlagen. Das ist natürlich äußerst geschickt, kann Walser nun doch mit Unschuldsmiene behaupten, im ganzen Roman gäbe es keinen einzigen Mord. Wer nun glaubt, dies sei der Gipfel des Zynismus, hat noch nicht die Stellungnahme des Suhrkamp Verlags zur Kenntnis genommen. Suhrkamp will jetzt nämlich das Erscheinen des Buches ein ganz klein wenig vorziehen, aber dem Drängen des Autors, es jetzt sofort zu publizieren, einen Moment widerstehen, um den Eindruck zu vermeiden, dass das Ganze eine zynische Marketingaktion war. Außerdem, so fügt Suhrkamp hinzu, sei das Buch noch gar nicht zitierfähig und Walser nicht der Möllemann der deutschen Literatur. Das mag ja alles sein, aber es gibt in diesem Trauerspiel auch Personen, die scheinbar nicht mehr satisfaktionsfähig sind.

Ob Walser nun der Möllemann der deutschen Literatur oder Möllemann der Walser der Politik ist, die Schamlosigkeit der beiden trägt Früchte. Gestern sagte ein Freund doch tatsächlich zu mir, man könne in Deutschland die Politik Israels nicht kritisieren, ohne mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert zu werden. Dass unser Außenministerium die Politik Israels mehrfach und sehr deutlich kritisiert und Joschka Fischer trotzdem die Ehrendoktorwürde bekommen hat, nimmt kaum jemand zur Kenntnis. Antisemitische Vorurteile sind scheinbar immer noch oder schon wieder beliebig abrufbar, um Stimmen zu fangen oder die ›Quoten der Poesie‹ zu steigern.

Die Nationalsozialisten brauchten gerade mal 12 Jahre, um im Namen eines Landes, das 1933 sicher nicht antisemitischer war als andere europäische Länder, 6 Millionen Juden umzubringen. Was Möllemann tut, ist kein augenzwinkerndes Spiel mit harmlosen Ressentiments wie es im Wahlkampf üblich ist. Möllemann, um das einmal klarzustellen, hat nicht nur wie unsere und andere europäische Regierungen die Politik Israels kritisiert, sondern er hat den palästinensischen Terror der Selbstmordattentate, bei dem unschuldige Menschen ermordet und verstümmelt werden, moralisch gerechtfertigt. Vermutlich gibt es für ihn keine unschuldigen Juden. Oder er denkt, dass ja bloß jüdische Tränen fließen werden, wenn sein gefährliches Spiel mit dem Antisemitismus ins Auge geht. Der Wahlkampfslogan der FDP riecht jedenfalls seit einigen Tagen nach Kristallnacht: Machen. Machen. Machen.

Doch die hiesigen Antisemiten sollten sich nicht zu früh freuen. Bisher hat sich die FDP noch nie um das geschert, was sie gestern gesagt hat. Die FDP ist keine neue NSDAP, sie ist bloß das stärkste politische Vomitiv der Berliner Republik. Und Walser? Ach Gott, vomieren Sie doch selbst.2Solingen den 30. Mai 2002

Literatur

Die Schirrmacher-Walser-Debatte - Perlentaucher. 2002. Internet: http://www.perlentaucher.de/link-des-tages/die-schirrmacher-walser-debatte.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

Streit um Roman „Tod eines Kritikers“: Walser erwägt Klage gegen die „FAZ“. In: Spiegel Online (2002). Internet: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/streit-um-roman-tod-eines-kritikers-walser-erwaegt-klage-gegen-die-faz-a-198412.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

Fußnoten


  1. Streit um Roman „Tod eines Kritikers“: Walser erwägt Klage gegen die „FAZ“. In: Spiegel Online (2002). Internet: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/streit-um-roman-tod-eines-kritikers-walser-erwaegt-klage-gegen-die-faz-a-198412.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

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  2. Die Schirrmacher-Walser-Debatte - Perlentaucher. 2002. Internet: http://www.perlentaucher.de/link-des-tages/die-schirrmacher-walser-debatte.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

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