Bündnis für guten Geschmack

Überall werden zurzeit Bündnisse geschlossen oder das schnelle, sofortige Schmieden von Bündnissen gefordert. Bündnisse machen Hoffnung, Bündnisse machen stark; immer wenn ein Problem nicht von heute auf morgen unter den Teppich gekehrt werden kann, und immer wenn wir den Glauben an die Lösung eines Problems verloren haben, dann heißt es: Antreten zum Rütlischwur!

Das zurzeit populärste Bündnis dürfte das ›Bündnis für Arbeit‹ sein, welches von den Roten und Grünen den gesamten Wahlkampf hindurch gebetsmühlenartig repetiert worden ist, bis sich die CDU ob ihres Wahlergebnisses schwarz ärgern durfte. Und da die Grünen damals wohl schon ahnten, dass mit den Roten nicht gut Kirschen essen ist, erweiterten sie das geflügelte Wort zu einem ›Bündnis für Arbeit und Umwelt‹. Nun forderte heute jemand ein ›Bündnis für Rente‹: trübe Aussichten für unser Altenteil! Arbeit, Umwelt, Rente – so tönt laut der schräge Dreiklang des Versagens. Da muss man schon starke Bündnisse schmieden, in denen alle gesellschaftlich relevanten Gruppierungen nach einem gemeinsamen Ausweg aus der Krise suchen, den man zusammen im Konsens beschreiten kann. Womit wir wieder bei der letzten vorweihnachtlichen Sudelei wären.

Doch woher kommt diese Inflation der Bündnisse? Haben Bündnisse Hochkonjunktur, weil statistisch gesehen wieder mehr Bundesbürger den Bund fürs Leben schließen, der trotz Steigerung der Lebenserwartung nur noch durchschnittlich sieben Jahre hält? Oder ist der Begriff Bündnis weniger stark durch spektakuläre Misserfolge und schmerzhafte Niederlagen belastet, als andere Wörter aus dem Glossar der Politik? Welcher Art menschlicher Ansammlung traut man heute noch über den Weg? Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände verlieren Mitglieder, den Parteien traut man höchstens noch kreative Spendenwirtschaft zu, die Kirchen sind wie Flasche leer, Sportvereine müssen seit Jahren Werbung machen, um Potato Kids von den Computerbildschirmen weg zu locken und Sitzblockaden, Demos und Unterschriftensammlungen haben auch noch keinen Castor verhindern können. Aber auf Bündnissen ruht der Glanz des Erfolgs. So hat zum Beispiel das Bündnis für Frieden und Freiheit, auch NATO genannt, den Warschauer Pakt ohne einen einzigen Pistolenschuss in die Knie gezwungen. Und die Bürgerrechtler in der DDR, die sich unter so phantasievollen Namen wie ›Bündnis90‹ zusammenfanden, haben einen ganzen Staat von der Landkarte geputzt. Da müsste es doch einem Bündnis für Arbeit gelingen, wenigstens einer klitzekleinen Million Arbeitslosen wieder einen Job zu verschaffen! Da wird es doch ein Bündnis für Umwelt schaffen, die Atomkraftwerke in 35 Jahren abzuschalten, den Plastikmüll sauber zu trennen und in den Bonner Rheinauen nach dem Regierungsumzug den vom Aussterben bedrohten Waldkauz wieder heimisch zu machen! Und wenn wir alle in einem Bündnis für Rente zusammenstehen, dann werden wir auch Erfolg haben bei dem Versuch, das Renteneinstiegsalter an die Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung zu koppeln! – Alles wird gut, wenn man ein Bündnis zusammenbringt. Das ist die frohe weihnachtliche Botschaft fürs neue Jahr!

Apropos Weihnachten: Nachdem ich vier Tage dem deutschen Fernsehen ausgeliefert war, möchte auch ich zu einem Bündnis aufrufen, zu einem Bündnis für guten Geschmack. Wenn wir alle quotenrelevanten Fernsehmoderatoren, Schlagersternchen und Serienschauspieler zu Konsensgesprächen ins Boot holen, auf das Bündnis für guten Geschmack einschwören und dann das gemeinsame Boot unweit der Titanic im Atlantik versenken, können wir vielleicht wieder von vorne anfangen, beim jungfräulich weißen und leeren Bildschirm. – Solingen 27. Dezember 1998

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