Dem Altern bei der Arbeit zuschauen

Gedanken beim Wiederanschauen eines Stückes von Pina Bausch nach 27 Jahren.

Gedanken beim Wiederanschauen eines Stückes von Pina Bausch nach 27 Jahren.

Vor 27 Jahren habe ich »Two cigarettes in the dark«1 im Wuppertaler Schauspielhaus erlebt. Es war nicht die Uraufführung vom 31. März 1985, sondern eine der Folgevorstellungen in der Spielzeit 8586. Ich hatte damals schon eine Reihe ihrer Stücke gesehen und war, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, von ›Two cigarettes in the dark› etwas enttäuscht. Vermutlich war der Grund, dass ich das Stück mit ›Arien‹, ›Renate wandert aus‹ oder ›Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört‹ verglich: alle größer, tänzerischer und dramatischer als ›Two cigarettes in the dark‹. Wir nannten das Stück damals ein Kammerstück und fügten, wenn ich mich nicht irre, das Adjektiv ›dunkel‹ hinzu.

Das Wiedersehen mit dem Stück am letzten Donnerstag, den 30.08.2012, war ein ganz ungewöhnliches Erlebnis. Mit Mechthild Grossmann0, Helena Pikon2 und Dominique Mercy0 waren drei der Tänzer der Uraufführung dabei. Alle anderen Darsteller vom letzten Donnerstag waren 1985 an der Erarbeitung des Stücks und ihrer Rollen nicht beteiligt.

Es ist ein seltsames Ding, die Helena Pikon, die Mechthild Grossmann, den Dominique Mercy  von heute mit der Pikon, der Grossmann, dem Mercy von damals zu vergleichen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Helena Pikon damals die gleiche Rolle getanzt hat wie heute.  Als aber am Donnerstag ein um 27 Jahre älterer Dominique Mercy in Feinripp-Unterhose und Taucherflossen die Bühne betrat, bekam das Stück plötzlich eine neue Dimension. Es war mit seinen Tänzern gealtert – und zwar auf eine sehr natürliche Art und Weise. Das Stück offenbarte – vor allem durch Mercy – eine 27 Jahre lange Geschichte. Es war gealtert in einer Weise, die wir mit Digitalisaten nie erleben können. In Anlehnung an Cocteau könnte man sagen: das Tanztheater der Pina Bausch bedeutet, dem Altern bei der Arbeit zuzusehen.

Das Altern ihrer Tänzer und ihrer Stücke hat Pina Bausch selbst mehrmals in Interviews thematisiert. Sie war sich dieser Qualität ihrer Stücke bewusst. ›Kontakthof‹ inszenierte sie nicht nur mit ihrer Compagnie, sondern auch mit Senioren und mit Schülern aus Wuppertal. Vor dem Hintergrund dieses bewussten Umgangs mit Tänzern unterschiedlicher Generationen verliert das Alter der Tänzer auf der Bühne die Zufälligkeit einer reinen Besetzungsentscheidung. Es wird Teil der Inszenierung, Teil des Stückes.

Was ist ein Stück?

Wenn man dies erlebt, dann verschwimmt die Kontour eines Stückes und man fragt sich: Was ist eigentlich ein Stück? Ist das wahre Stück das Stück, das in der Urbesetzung aufgeführt wird. Oder erscheint das wahre Stück bloß in der Uraufführung? Sind alle anderen Aufführungen Kopien? Immerhin, die Uraufführung ist 1985 sicher aufgezeichnet worden und dient heute – möglicherweise mit Aufzeichnungen von anderen Aufführungen – als Referenz bei der Neu-Einstudierung des Stückes.

Oder ist es ganz anders? Ist vielleicht immer das gerade aufgeführte Stück das wahre Stück? Oder das Stück, das im Kopf des Zuschauers entsteht? Wie viele Stücke gibt es dann? Für mich jedenfalls verlor das Stück am Donnerstag seine räumliche und zeitliche Begrenzung. Ein faszinierendes Erlebnis des organischen Alterns, das nur durch das eigene Altern erlebt werden kann. Denn ohne den Zeitverlauf des eigenen Alterns kann man das Altern der anderen nicht wahrnehmen. Dann sieht man immer nur einen kleinen Ausschnitt des organischen Ganzen.

Auch dies ist eine Erfahrung, die mit Digitalisaten nur teilweise gemacht werden kann. An ihnen kann man immer nur das eigene Altern erkennen, indem man eine Veränderung in der eigenen Rezeptionshaltung feststellt. Digitalisate lassen uns in dieser Hinsicht einsam zurück. Vor ihnen bleiben wir als Gealterte allein. Nur in der gemeinsam erfahrenen Aufführungssituation ergibt sich die Möglichkeit, das gemeinsame Altern als Qualität einer Kunsterfahrung wahrzunehmen.

Wer ist denn dann der Urheber?

Wenn die Stücke von Pina Bausch, wie Theaterwissenschaftler, Kritiker und auch sie selbst immer wieder betont haben, so stark von den Tänzern geprägt sind, und wenn die Einheit eines Stückes sich über die Zeit ausdehnt und durch das Altern der Darsteller eine völlig neuartige Tiefe erhält, dann drängt sich nicht nur die Frage nach dem wahren Stück auf, sondern auch die Frage nach dem wahren Urheber der Stücke von Pina Bausch. Rechtlich ist das eindeutig geregelt. Pina Bausch besaß zeitlebens alle Rechte an ihren Stücken. Heute hält die von Rolf-Salomon Bausch geleitete Pina-Bausch-Stiftung3 das Urheberrecht.

Es ist hoch interessant, dass in der Forschung, die den kollektiven künstlerischen Prozess im Wuppertaler Tanztheater immer gerne hervorgehoben hat, nie die Frage nach den Urheberrechten eines kollektiv entstandenen Werkes gestellt wurde.

Pina Bausch war kontrollbesessen. Sie wollte alles in der Hand behalten: die Inszenierung ihrer Stücke und natürlich auch die Verwertung. Sie hat immer sehr darauf geachtet, dass niemand ohne ihre Erlaubnis Film- oder Fotoaufnahmen von den Proben oder den Aufführungen erstellte. Selbst am letzten Donnerstag klebte im Opernhaus neben den Eingangstüren ein Zettel, der auf das Fotografierverbot hinwies. Bei anderen Aufführungen im Opernhaus hängen solche Zettel nicht aus. Da reicht ein Vermerk im Programmheft oder auf der Eintrittskarte.

Für die Spielzeit 201314 bereitet das Wuppertaler Tanztheater erstmals seit dem Tod der Choreographin eine Neuinszenierung vor. Es wäre interessant zu erfahren, wer die Rechte an diesem neuen Stück halten wird. Die Pina-Bausch-Stiftung? Die Compagnie als Kollektiv? Oder die neuen künstlerischen Leiter?

Literatur

Dominique Mercy. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Dominique_Mercy&oldid=129156361. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Kontakt Pina Bausch Stiftung. 2012. Internet: http://www.pina-bausch.org/. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Mechthild Großmann. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mechthild_Gro%C3%9Fmann&oldid=130551182. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch - Helena Pikon. 2012. Internet: http://www.pina-bausch.de/tanztheater/ensemble/pikon.php. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch - Two Cigarettes in the Dark. 1985. Internet: http://www.pina-bausch.de/stuecke/two_cigarettes.php. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Fußnoten


  1. Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch - Two Cigarettes in the Dark. 1985. Internet: http://www.pina-bausch.de/stuecke/two_cigarettes.php. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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  2. Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch - Helena Pikon. 2012. Internet: http://www.pina-bausch.de/tanztheater/ensemble/pikon.php. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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  3. Kontakt Pina Bausch Stiftung. 2012. Internet: http://www.pina-bausch.org/. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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