Ambient Pina

… como el musguito en la piedra, ay si, si si …, wie das Moos auf dem Stein, au ja, ja ja … – so lautet der Titel von Pina Bauschs letztem Stück, das zwei Wochen vor ihrem Tod am 12. Juni 2009 uraufgeführt wurde. Gestern habe ich das Stück gesehen und hatte nicht den Eindruck, einer bemoosten Inszenierung beizuwohnen. Ich glaubte eher, LoungeFM oder ein anderes Internetradio mit Ambient Stream zu hören – Artefakte aufgrund schlechter Komprimierung inklusive. Wenn es mir auf die Pointe ankäme, würde ich sagen: das war Tanztheater für die Facebook-Generation.

Zwischen ›Palermo, Palermo‹ und ›… como el musguito en la piedra, ay si, si si‹ liegen 20 Jahre. Das Stück, in dem am Anfang eine riesige Mauer in sich zusammenfällt, war die letzte Inszenierung des Tanztheaters Wuppertal, die ich gesehen habe. Alles, was danach kam, kenne ich nicht. Ich vergleiche also ihre frühen Stücke mit ihrem letzten.

Die Musikauswahl macht diese lange Zeitspanne spürbar. Viel Chillout und rhythmische Klangcollagen. Alles andere, der Tanz, die kleinen Spielszenen, die schrulligen Einfälle und die Komposition, die Art, wie Pina Bausch die Bühne füllt und wieder leert – all das war so vertraut, als hätte es diese 20 Jahre nie gegeben.

Doch etwas war anders als damals. Früher kam ich angefüllt aus ihren Stücken, dieses letzte hat mich seltsam leer entlassen. Das Stück ist wie die Bühnendekoration: hell und poliert. Eine leere Fläche, auf der sich ab und zu breite Risse bilden. Der Tanzboden als tektonische Platten, die aufbrechen, auseinander driften und sich wieder schließen.

Es wird viel getanzt in diesem Stück. Das war vor 20 Jahren nicht immer so. Die Tänzerinnen und Tänzer glänzen in vielen Solos. Das ist schön anzusehen. Dagegen hat Pina in diesem letzten Stück – über die Stücke der letzten 20 Jahre kann ich nicht urteilen – die Sprache verloren. Früher gab es in ihren Stücken Szenen, in denen mit der Sprache gespielt wurde. Kurze, ergreifende, lustige, böse – aber immer sehr präzise Miniaturen. Den wenigen Worten, die gestern auf der Bühne geredet wurden, fehlte diese Präzision, diese Treffsicherheit.

Eine neue Generation

Bis auf Dominique Mercy stand gestern kein Tänzer mehr von damals auf der Bühne. Sie gehörte einer neuen Generation, der Generation seiner Tochter Thusnelda Mercy. Ihre Mutter, Malou Airaudo, saß im Publikum. Es sind 20 Jahre vergangen – und ich war woanders.

Dieses ›… como el musguito en la piedra, ay si, si si …‹ ist ein Stück dieser neuen Generation. Die Tänzerinnen und Tänzer lieferten Pina das Material, aus dem sie ihre Stücke aufbaute. Ein Stück mit diesen jungen Tänzern muss daher anders sein, als ein Stück aus den 70er oder 80er Jahren. Das ist es auch. Es ist gefälliger als die Stücke von damals. Keine verbissenen Kämpfe. Keine Einsamkeit, keine Verzweiflung. Aus dem Kampf der Geschlechter wurde ein Spiel.

Manchmal, wenn die Musik sich allzu sehr in den Vordergrund drängte, hatte ich sogar den Eindruck, dass der Tanz nicht mehr von innen kam, dass stattdessen zur Musik getanzt wurde. Als wäre es nicht mehr so wichtig, was die Menschen bewegt. Auch das hört sich wie ein Vorwurf an und soll es nicht sein.

Der Sprung vom Wendejahr ins Jahr 2009 war zu groß. Ich muss die 20 Jahre wohl Schritt für Schritt zurückgehen und die Lücke zwischen ›Palermo, Palermo‹ und ›… como el musguito en la piedra, ay si, si si …‹ schließen. Und was soll ich sagen? Ich freue mich auf jedes Stück.

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