Familientreffen bei Pina

Letztens habe ich mir Wim Wenders 3D-Film »PINA« angeschaut. Es war wie ein Familientreffen, bei dem man Menschen wiedersieht, die man zehn Jahre und länger nicht mehr getroffen hat. Ich blickte aber auch in viele junge Gesichter, die mir alle unbekannt waren, da ich lange Zeit kein Stück mehr von Pina Bausch gesehen habe. In die Gesichter aber, die ich kannte, hat sich die Zeit eingeschrieben.

Mitte der 80er Jahre, als ich in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studierte, ließ Pina Bausch einen Freund und mich für einige Zeit in ihre Compagnie hineinschauen. Wir hatten die komplett verrückte Idee, einen Film mit der Truppe (nicht über sie!) zu drehen. Natürlich war die Idee von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Aber wir waren jung und naiv, sprachen Pina einfach an und waren plötzlich drin. Mir ist bis heute nicht klar, warum Pina uns gestattete, wochenlang die Proben zu beobachten und mit den Tänzern zu sprechen. Sie nahm uns sogar einmal mit nach Stuttgart zu einem zweitägigen Gastspiel.

Pina, die damals die Aura der Unnahbarkeit umgab, war in gewisser Hinsicht ein sehr offener Mensch. Wenn sich jemand für ihre Arbeit interessierte und ihr sympathisch war, so ließ sie ihn eine gewisse Zeit in ihr Reich. Außerdem hat sie sich damals bereits mit dem Gedanken beschäftigt, einen eigenen Film zu drehen. Vielleicht glaubte sie von uns zu erfahren, wie das geht: einen Film zu machen. Wie gut, dass sie nicht wusste, dass wir davon nicht viel Ahnung besaßen. Und während aus unserem Film nichts wurde, kam drei Jahre später ihr Film ›Die Klage der Kaiserin‹ heraus.

Seit den 90er Jahren habe ich kein Stück mehr von ihr gesehen, bis auf ›Kontakthof. Mit Teenagern ab 14‹. Ein halbes Jahr nach der Premiere, auf der sie wie immer anwesend war, ist sie gestorben. Mein Bild vom Tanztheater stammt also aus den 80er Jahren. Die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer, die damals dabei waren, machen für mich das Wesen von Pina Bauschs Kunst aus. Ich war deshalb am Anfang des Films, als Szenen aus ›Sacre du Printemps‹ gezeigt werden, ein wenig verloren. Die Choreographie erkannte ich wieder, nicht aber die Tänzerinnen und Tänzer. Dabei hat die Individualität der Tänzer in diesem Stück längst nicht die Bedeutung wie in ihren anderen Stücken.

Doch dann tauchten auch bekannte Gesichter auf. Dominique Mercy, Jean-Laurent Sasportes, Malou Airaudo, Lutz Förster, Helena Pikon, Nazareth Panadero und Barbara Hampel, die in den 80er Jahren noch beim Folkwang Tanzstudio, dem Vorhof zum Paradies, war. In einer Szene am Ende entdeckte ich dann auch Ed Kortlandt, dessen Rollen heute wohl von Michael Strecker getanzt werden, der ihm auch sehr ähnlich sieht. Leider gab es kein Wiedersehen mit Jan Minarik, dessen Rollen heute vermutlich von Andrey Berezin gespielt werden.

Da die Distanz zwischen dem Schauspieler/Tänzer und seiner Rolle in den Stücken von Pina Bausch fast aufgehoben scheint, irritiert es mich, fremde Personen in bekannten Rollen zu sehen. Es ist plötzlich, als würden diese Personen eine Rolle spielen, während die Originalbesetzung auf der Bühne einfach da war. Diese Unmittelbarkeit der Erscheinung macht für mich das Wesen des Wuppertaler Tanztheaters aus. Natürlich ist dies nur für mich eine Irritation. Wer ein altes Stück in neuer Besetzung zum ersten Mal sieht, wird die gleiche Unmittelbarkeit erleben wie ich, als ich das Stück in der Originalbesezung gesehen habe. Auch ich habe damals nicht alle Stücke in der Originalbesetzung gesehen. Wie stark man aber die Tänzer mit ihren Rollen identifiziert, realisiert man sofort, wenn man das Stück in anderer Besetzung wiedersieht. Dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin, erkannte ich im Kino, als Helena Pikon im Film davon erzählte, wie sie Pinas Rolle in ›Café Müller‹ übernehmen sollte und sich lange innerlich dagegen sträubte – Pina, so sagt sie, sollte die Rolle für immer spielen.

Wer den Reichtum ihrer Werke nicht kennt und nicht weiß, wie einzigartig das Wuppertaler Tanztheater dasteht, der kann nicht ermessen, was wir durch den Tod von Pina Bausch verloren haben. Es gibt kaum ein Ensemble in der Welt, das 36 Jahre lang unter der Leitung einer Person zusammen gearbeitet hat. 45 Stücke sind in dieser Zeit entstanden, wenn man die drei Kontakthof-Versionen mitzählt. Und nun wird kein neues Stück mehr hinzukommen.

Ich aber habe während des Films einen ganz anderen Verlust empfunden. Ich habe seit der Zeit, als ich mich intensiv mit dem Tanztheater von Pina Bausch beschäftigt habe, keins ihrer Stücke mehr gesehen. In Wenders Film wurde mir plötzlich klar, dass die Einzigartigkeit dieser Aufführungen unwiederbringlich ist. Sie sind für mich auf immer verloren. Und ich kann nicht einmal das Schicksal dafür verantwortlich machen. Ich selbst habe mich um viele wunderbare Momente gebracht, weil ich zu bequem war, weil ich nach der Arbeit zu müde war, weil ich lieber mit meinen Kindern spielen wollte, weil ich glaubte, nichts Neues mehr entdecken zu können – was auch immer die guten und schlechten Gründe waren, nicht nach Wuppertal zu fahren – ich habe es mir selbst zuzuschreiben.

Es ist jedoch eine dankbare Trauer, die ich empfinde, denn mein Leben wurde durch Pina Bausch und die Tänzerinnen und Tänzer des Tanztheaters unendlich bereichert; ich war so glücklich, die Schönheit ihrer Kunst damals zu erkennen und zu schätzen. Die Bilder begleiten mich bis heute. Ob ich mir die Stücke anschauen werde, die ich nicht kenne, weiß ich noch nicht. Die Sehnsucht ist scheu. Aber wenn ich einmal wieder im Barmer Opernhaus sitze und das Stück beginnt, werde ich ganz genau hinsehen.

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