Nichts mehr wegwerfen

Wenn etwas zu fehlen beginnt, kann der Mensch sehr erfinderisch werden. Der Mangel wird’s daher schon richten.

Diese Meldung auf heise.de hat mich an die Kinder in Afrika erinnert, die aus allerlei Abfällen ihr Spielzeug zusammenbauen. Sie benötigen für die Herstellung eines Spielzeugautos keine Energie, außer ihrer eigenen, keine wertvollen Rohstoffe, außer denen, die ein anderer weggeworfen hat und keine Entwicklungsabteilung, außer ihrer Phantasie. Das soll nun keine Stilisierung der Armut sein. Wenn die kleinen Afrikaner bei Toys’R’us einkaufen könnten, würden sie vermutlich ebenso gierig einkaufen wie die kleinen Europäer, die kleinen Nordamerikaner und die kleinen Asiaten. Not macht erfinderisch, nicht der Überfluss.

Alle Welt wusste zwar spätestens seit der von Jimmy Carter in Auftrag gegebenen Studie ›Global 2000‹, dass uns die Rohstoffe ausgehen werden, dass die Nahrungsmittelpreise steigen und das Klima kaputt gehen wird. Wobei das grammatische Futur hier in die Irre führt. Denn mittlerweile gibt selbst die Ölindustrie zu, dass uns das Öl nicht übermorgen, sondern morgen ausgehen wird – und zwar endgültig. Eine in Millionen Jahren gewachsene Ressource haben wir in knapp 200 Jahren verpulvert. Das Ziel, bis zum Jahr 2050 den Kohlendioxidausstoß zu halbieren, werden wir ganz sicher und ohne jede Mühe erreichen, denn Mitte des 21. Jahrhunderts haben wir sowieso kein Öl mehr, das wir verheizen oder verfahren könnten.

Global 2000 hat bewiesen, dass der Mensch zwar über seine Nasenspitze hinaus denken kann, handeln tut er jedoch erst dann, wenn er mit seiner Nase gegen die Wand gelaufen ist. Und selbst dann gibt es Ausnahmen wie Angela Merkel beweist, die uns gerade wieder im Interesse der deutschen Autoindustrie an der Nase herumführt. Die deutsche Autoindustrie wird erst umdenken, wenn wir Autofahrer uns blutige Nasen an der Tankstelle geholt haben und kein Auto mehr kaufen, das mehr als drei Liter verbraucht. Erst dann nämlich bekommen auch die Herren im Vorstand von VW, Mercedes, BMW und Audi einen Nasenstüber von ihren Aktionären versetzt, die über den mangelnden Absatz der Benzinschleudern verärgert sind. Und erst dann werden wir erfinderisch werden.

Energie ist nämlich, wie die Heuschrecken, die die Mexikaner so plagen, dass sie sie nun aufessen, im Überfluss vorhanden: allein die kinetische Energie der Menschenströme in einer U-Bahn-Station reicht aus, um diese zu beleuchten. Mit Solarthermie in der Wüste, lässt sich ganz Europa mit Strom versorgen. Mit Wärmepumpen in still gelegten Kohlebergwerken ließe sich das ganze Ruhrgebiet mit Fernwärme versorgen. Leider muss erst das Öl ausgehen, damit solche Ideen Wirklichkeit werden können. Dabei kann man mit Öl so viel mehr machen als bloß durch Verbrennung eine globale Klimakatastrophe zu verursachen. Unsere Enkel – und zwar die im wörtlichen Sinne – werden mit Verwunderung und Zorn unseren Erzählungen aus der Zeit der Erdölvernichtung lauschen. Dass Autos einmal mit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit betrieben worden sind, dürfte sie ebenso verwundern, wie die Möglichkeit durch kerosinbetriebene Düsenflugzeuge innerhalb weniger Stunden weit entfernte Orte zu erreichen. Unsere Enkel werden wieder mit Segelschiffen nach Amerika reisen und lernen, aus Abfällen Spielzeug zu fertigen. Denn Plastikmüll wird nicht mehr thermisch verschwendet, sondern stofflich verwertet werden.

Und wir werden lernen, Energie zu sparen, denn die Ölpreise haben gerade erst begonnen, zu explodieren. Einen Apfelbaum würde ich jederzeit noch pflanzen, aber ein neues Auto werde ich mir im Moment ganz sicher nicht kaufen.

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