Auf Grund gelaufen oder Die Amtsschimmelreiter

So schnell geht das. Ruckzuck geht auch einem grünen Umweltminister der Arsch auf Grundeis, wenn deutsche Bürokraten aus einem unbedeutenden Seeunglück eine handfeste Umweltkatastrophe zusammenbröseln. Frei nach dem Motto: Wo Gefahr im Verzug ist, muss man schnell handeln, um den Verzug abzukürzen. Jedenfalls ist die Gefahr nun nicht mehr im Verzug, sondern sie ist da: Die Zahl der toten Vögel stieg nach Angaben des Kieler Umweltministeriums auf 2971 (da ist man sehr genau!) und rund 20 000 ölverklebte Seevögel wurden gesichtet. (Hier begnügt man sich mit Schätzungen, da die kleinen schwarzen Flecken, die man durchs Fernglas sieht, ja auch tote Seerobben sein könnten.)

Für mich beweist die Pallas-Katastrophe die buddhistische Weisheit vom Schmetterlingsflügel, der, wenn er schlägt, irgendwo auf der Welt – und sei es im Wattenmeer – die Chaostheorie verwirklicht: Da gerät ein Holzfrachter in dänischen Gewässern in Brand, treibt dann seelenruhig hinüber in deutsche Gewässer und gerät vor Amrum schließlich auf Grund, wo er einige Tage vor sich und dem Wattenmeer hindümpelt, bis das Kind im Brunnen liegt und das Wasser den Verantwortungslosen bis zum Halse steht.

So sieht es jedenfalls der CDU-Kreisvorsitzende Heinz Maurus, der aus einem abgerissenen Abschlepptau dem Steenblock, seines Zeichens grüner Umweltminister, einen Strick drehen will. Dabei hat Steenblock und die beteiligten Beamten völlig korrekt gehandelt. Im Fernsehen hieß es nämlich, dass die Beamten in Schleswig-Holstein, korrekt bis zum Krawattenknoten, zunächst die Rettungsarbeiten, wie es bei jedem Investitionsvorhaben vorgeschrieben ist, EU-weit ausschreiben und dann die eingehenden Angebote sorgfältig prüfen mussten, bevor sie den Auftrag zur Bergung des Frachters vergeben durften. Und statt diesen vorbildlichen Beamten und dem Minister zu danken, dass sie in schwieriger Situation der Versuchung, den erstbesten Schwager mit der Bergung zu beauftragen, widerstanden haben, werden sie nun von allen Seiten kritisiert. Dabei ist die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis – ohne Rücksicht auf ihre Hüte – mit ihrem Umweltminister Rainder Steenblock am Wochenende nach dem stürmischen Amrum gefahren, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Wenn das mal kein lobenswerter Einsatz ist!

Aber die Welt ist ungerecht. Da tritt man mit so viel gutem Willen an, und die Öffentlichkeit verlangt doch tatsächlich, dass man als Minister Krisensituationen gewachsen sei. Das steht doch in keinem Parteibuch drin! Und das wird einem als Oberstudienrat an der Berufsfachschule für Kinderpflege in Hamburg auch nicht in die Wiege gelegt!

Die Ministerpräsidentin zieht, wie sie sagt, Lehren aus der Katastrophe: Bei Unglücken dieser Größenordnung sollen die zuständigen Fachminister von Anfang an das Lagezentrum im Innenministerium nutzen. Bei einem Unglück müssten zunächst die Experten für Katastrophenfälle im SPD-Innenministerium herangezogen werden. Dann werde geprüft, ob sie die Sache selbst in die Hand nehmen oder sie dem zuständigen grünen Ministerium überlassen. »Das wird aufgeschrieben – mit Stempel und Unterschrift«, versicherte sie. Ich finde, das lässt hoffen – insbesondere das mit den Stempeln und Unterschriften!

Schuld weist die Ministerpräsidentin daher auch weit von sich und ihrem grünen Umweltminister. Die Schuld läge weit eher bei der Einsatzleitungsgruppe in Cuxhaven, die aus Vertretern des Bundes sowie der fünf Küstenländer gebildet wird. Es sei geradezu ›abstrus‹, was sie von dort teilweise gehört habe, klagte Simonis: »Die Vertreter einiger Länder, die vom Unglück nicht direkt betroffen sind, fahren abends einfach nach Hause.« Entscheiden könne die Gruppe aber nur einmütig.

Frau Simonis! Auch ein Beamter hat ein Anrecht auf eine geregelte Arbeitszeit! Das sollten Sie als Sozialdemokratin – auch wenn sie nie Lehrerin waren – doch eigentlich verinnerlicht haben, immerhin waren Sie Berufsberaterin im Arbeitsamt! Und da sollten Sie doch im Sattel des Amtsschimmels zu Hause sein! Oder? – Solingen 17. November 1998

Leserbrief schreiben