Die Treppe

Die Solinger stehen sich wieder einmal selbst im Weg und torpedieren eine Idee, die überall sonst auf der Welt mit Begeisterung aufgenommen würde.

Die Konrad-Adenauer-Straße in Solingen wurde in einer Zeit, als jede Stadt autogerecht werden musste, zu einer vierspurigen Straße ausgebaut, die seither einen ganzen Stadtteil, die Nordstadt, in zwei Hälften zerschneidet. Die Straße ist eine der wichtigsten innerstädtischen Hauptverkehrsadern Solingens und entsprechend stark befahren. Für den Stadtteil ist so eine Straße ein Fluch, und die Nordstadt ist deshalb seit Jahrzehnten das Sorgenkind der kommunalen Politik.

Sie ist aber auch ein Stiefkind. Denn während in anderen Stadtteilen bereits kostspielige Verschönerungsmaßnahmen stattgefunden haben, hat sich in der Nordstadt bisher noch nichtsl getan. Nun aber soll es endlich losgehen. Die Pläne sind beschlossen, die Fördergelder sind bewilligt. Doch nun melden sich, wie sollte es auch anders sein, die Bedenkenträger. Sie gründen eine Bürgerinitiative und torpedieren das Vorhaben. Im Mittelpunkt des Streits steht eine Treppe.

Was hat es nun mit dieser Treppe auf sich? Um das zu erklären, muss ich leider etwas weiter ausholen. Lehnen Sie sich also zurück, liebe Leserin, lieber Leser, und stellen Sie etwas Popcorn bereit.

Die Konrad-Adenauer-Straße ist hässlich, wie jede autogerechte Hauptverkehrsader, an der seit über 30 Jahren nichts mehr gemacht wurde. Die Nordstadt ist es jedoch nicht. Wer die Nordstadt nur von der Konrad-Adenauer-Straße her kennt, bekommt also ein ganz falsches Bild. Die Nordstadt hat sogar etwas sehr Schönes zu bieten, ein wahres Kleinod: das Theater- und Konzerthaus der Stadt Solingen, das kulturelle Zentrum dieser Stadt.

Das Theater- und Konzerthaus wurde am 11. Mai 1963 nach dreijähriger Bauzeit eröffnet.1 Das Gebäude ist ein Entwurf der Architekten Harde und Budeit aus Dortmund. Es ist von der damals üblichen nüchternen Sachlichkeit und Funktionalität geprägt. Die langgestreckte, klar gegliederte Fassade wirkt heute noch elegant und repräsentativ im Vergleich zu vielen anderen Gebäuden, die später errichtet wurden. Da das Theater- und Konzerthaus einige Meter oberhalb der Straße liegt, führte natürlich eine Treppe von der Hauptstraße (die damals noch nicht Konrad-Adenauerstraße hieß) hinauf zum Eingang. Auf der verlinkten Seite kann man das schön sehen.

Zehn Jahre später musste der Bürgersteig vor dem Theater der Straße und der Mensch dem Durchgangsverkehr weichen. Die Treppe war überflüssig und wurde entfernt. Seither ist das kulturelle Herz Solingens von der Hauptverkehrsader der Stadt abgeschnitten. Die Konrad-Adenauer-Straße wurde zu dem, was wir heute dringend verändern müssen. Das Theater erfüllt zwar noch seinen Zweck, aber es ist aus dem städtebaulichen Kontext der Umgebung herausgenommen. Dem Theater schadet dies wenig, für die Straße und die Nordstadt ist dies jedoch eine Katastrophe. Das wichtigste und repräsentativste Gebäude der Nordstadt steht praktisch ganz woanders.

Das Theater von der Straße davor und dem Stadtteil drumherum zu isolieren, ist in der mir bekannten Welt mit Sicherheit ein absolut einmaliger Einfall. Aber viele Solinger leben offensichtlich in ihrer ganz eigenen Welt.

Endlich aber stehen nach langer Planung Landesgelder zur Verfügung, um das kulturelle Herz der Stadt wieder mit der Hauptverkehrsader zu verbinden. Das wunderbare Gebäude aus den 60er Jahren soll wieder integraler Bestandteil der Straße und damit der Nordstadt werden. Und natürlich wird dafür eine neue Treppe gebaut, denn sie ist unverzichtbarer Bestandteil der ursprünglichen architektonischen Idee und städtebaulich absolut zwingend. Dass der Bürgersteig vor dem Theater einmal verschwinden würde, war ein kulturbanausischer Akt, den Anfang der 60er Jahre niemand voraussehen konnte.

Die Kosten für die neue Einbettung des Theaters in die Nordstadt sind im Vergleich zu den Kosten für die sonstigen Umbaumaßnahmen auf der Konrad-Adenauer-Straße minimal. Der Straßenumbau kostet stolze 5,3 Mio. EUR, die gesamte Umgestaltung des Theaterumfeld immerhin noch 410.000 EUR, die Treppe aber gerade einmal 36.000 EUR.

Und was tun nun einige Solinger? Sie zeigen auf die Treppe und schreien: »Verschwendung von Steuermitteln! Die Treppe ist überflüssig! Ich komme auch so ins Theater!«

Überall auf der Welt tun die Städte alles Menschenmögliche, um die schönen und attraktiven Gebäude, die sie haben, optimal ins Umfeld zu integrieren, weil sie wissen, dass repräsentative und gut frequentierte Gebäude auf die Umgebung abfärben und ihr gut tun. In Solingen ist das anders. Hier isoliert man jahrzehntelang das schöne Theater- und Konzerthaus von einem innerstädtischen Umfeld, das eine Aufwertung bitter nötig gehabt hätte und schreit Zeter und Mordio, wenn man sich endlich einmal an anderen Städten orientiert und es richtig machen will.

Ich hoffe, dass die Bürger in der Nordstadt endlich aufstehen und die Besserwisser aus den anderen Stadtteilen in die Schranken weisen. Wer das Theater weiterhin aus der Nordstadt fernhalten möchte, schadet dem Stadtteil. Das kulturelle Herz muss endlich auch für die Nordstadt schlagen!

Literatur

Wenke, Hans-Georg: Wenke: Mein Solingen / Theater am Schlagbaum. 2010. Internet: http://www.solingen-internet.de/si-hgw/theateramschlagbaum.htm. Zuletzt geprüft am: 27.9.2014.

Fußnoten


  1. Wenke, Hans-Georg: Wenke: Mein Solingen / Theater am Schlagbaum. 2010. Internet: http://www.solingen-internet.de/si-hgw/theateramschlagbaum.htm. Zuletzt geprüft am: 27.9.2014.

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