Frau Hundertmark heißt morgen Fünfzigeuro

Irgendjemand trifft es immer.

In unserer Bekanntschaft befindet sich eine Frau Hundertmark, die zurzeit einiges zu erleiden hat. Alle Welt fragt sie, ob man sie ab dem 1.1.2002 mit Frau Fünfzigeuro anreden muss. Irgendjemand trifft es immer, wenn die Großen in der Weltpolitik an den Rädern drehen.

Aber ist Ihnen schon aufgefallen, dass es gar keine Euro-Witze gibt? Ich habe jedenfalls noch keinen aufschnappen können. Beim Geld hört der Spaß wohl auf. Und wir Deutschen nehmen den Euro ebenso ernst wie die D-Mark. Geld war uns schon immer lieb und teuer. Und ab morgen ist es noch kostbarer, denn schließlich gibt es davon ja nur noch die Hälfte. — Naja, so in etwa muss man sich wohl einen Euro-Witz vorstellen.

Wenn man bedenkt, welche Folgen die Euro-Einführung haben wird, so erstaunt man über die Gelassenheit, mit der wir die neue Währung aufnehmen. Die feierlichen Zeremonien, mit denen Politiker und Banker die schrittweise Euroeinführung zelebrieren, wirken reichlich gequält. Und im Volk regen sich erst recht keine Begeisterungsstürme. Natürlich gibt es in einem 80-Millionen-Volk immer ein paar Verrückte, die um Mitternacht in eine Bank stürmen, um ihr, man verzeihe mir dieses grauslich denglische Wort, Starter-Kit zu erwerben. Doch die meisten haben sich während der üblichen Geschäftzeit ihre Erstausstattung — welch langweiliges Wort! — geholt, um es Kindern und Enkeln unter den Weihnachtsbaum zu legen. Das reservierte Beäugen des Euro ist nichts im Vergleich zu den erotischen Orgien, die so mancher Ostdeutscher damals mit seinem Begrüßungsgeld feierte. Doch wir sollten uns nicht zu früh freuen. Wer weiß, ob nicht die Leute in den Ländern, die nicht im Euro-Verbund sind, bald auf die Straße gehen und rufen: Kommt der Euro nicht zu uns, kommen wir zum Euro!

Schuld an der mangelnden Euphorie sind, wie sollte es auch anders sein, die Journalisten, die uns alle glauben machen wollen, die Deutschen trauerten der D-Mark nach. Wenn man sich die Fragen so anhört, mit denen die Peter Hahnes der Medien den Finanzminister quälen, so besteht unser Volk in der überwiegenden Mehrheit aus Greisinnen und Greisen, die in der Weimarer Republik schon mal für 1 Million Reichsmark ein Ei gekauft haben. Und der Rest setzt sich zusammen aus den Wirtschaftswunderknaben, die aus ihrem 40-DM-Starter-Kit von 1948 ein mittelständisches Weltunternehmen nach dem anderen aufgebaut haben.

Künstliche Aufregung um nichts. Oder geht die Währungsunion nur deshalb so still vonstatten, weil der durchschnittliche Gesinnungsteutone am Mittelmeer in Italien, Spanien oder Griechenland schon lange nicht mehr mit einer Währung hart wie Kruppstahl auftrumpfen konnte, und daher mit dem Euro nicht viel Herrenrassigkeit verloren geht? Immerhin besteht ja die vage Hoffnung, dass man auf den Philippinen, in Thailand oder auf Kuba auch mit dem Euro noch wie ein Halbgott in Frankreich leben kann.

Sprachlich geht uns allerdings eine Menge Realitätsbezug verloren. Wer wird in zehn Jahren mit dem inneren Ohr noch den Groschen fallen hören, so er dann noch fällt. Niemand wird mehr auf den Pfennig sehen, geschweige ihn dreimal umdrehen. Und vieles, was keinen Pfennig wert ist, wird bald für einen ganzen Euro oder mehr über den Ladentisch gehen. Doch vertrauen wir auf den Volksmund, der sogar für Kohls steinernes Vermächtnis in Berlin einen passenden Namen gefunden hat. Waschmaschine: eine wahrlich treffliche Bezeichnung für einen Ort, in dem Berge von Aktenpapieren mit Persil wieder weiß gewaschen werden. Warten wir also ab, welche schillernde Namen die Münzen noch bekommen werden.

Doch zurück zu den Folgen der Euroeinführung! Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Finanzpolitik ist kaum vorstellbar. Zwei Drittel von dem, was eine nationale Regierung tut, ist Finanzpolitik, der Rest dient dem Machterhalt. Die nationalen Regierungen werden also bald überflüssig und Schröders Nachfolger bestenfalls noch bessere Ministerpräsidenten sein. Die Richtlinienkompetenz liegt dann beim europäischen Präsidenten, seinem Finanzminister und dem europäischen Parlament. Nicht zufällig fiel in diesem Jahr der Startschuss für eine europäische Verfassung. Der Verfassungskonvent macht zwar den Eindruck eines Altersruhesitzes, aber der Euro wird diesem Gremium gehörig Dampf machen.

Die Kinder, die in diesem Jahr eingeschult wurden, werden in 12 Jahren bei einer der nächsten PISA-Studien zwar ganz bestimmt ebenso schlecht abschneiden wie ihre Vorgänger. Aber die Achtzehnjährigen des Jahres 2014 werden ganz bestimmt in der Lage sein, ein Kreuz auf einem Stimmzettel zu machen und damit den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa zu wählen.

Viele glauben vielleicht, dass das Pferd von hinten aufgezäumt wird, wenn man Europa durch eine gemeinsame Währung zusammenschmiedet. Doch die jüngere deutsche Geschichte hat gezeigt, dass es geht. Die Einführung der D-Mark war die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland, der wenig mehr als vierzig Jahre später auch die ostdeutschen Länder beigetreten sind. Es wird keine 40 Jahre dauern, bis die Bundesrepublik Deutschland bloß noch im europäischen Bundesrat ihre Belange vertreten und gegenüber der europäischen Regierung sorgsam ihre Kulturhoheit wahren wird. Vielleicht kann man dann ja sogar mit einem Kölner Abi in Bayern studieren. Das wäre doch ein Fortschritt. In diesem europäischen Sinne wünsche ich allen Lesern des Sudelbuchs ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr. – Solingen den 31. Dezember 2001

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