Piep piep, Guildo hat ihn lieb

Der kleine Pegasus98-Internetwettbewerb tritt in die Bigfoot-Spuren seines großen Vorbilds, des Grand Prix Eurovision de la Chanson. Flink, wie Hacker nun mal sind, programmieren sie intelligente Abstimmungsroboter, knacken eine Abstimmungsprozedur nach der anderen und klicken, wie einst die Jünger des Meisters, ihr Lieblingsprojekt beim Publikumspreis ganz nach oben.

Seither ist eine Legion von freien Mitarbeitern damit beschäftigt, die gefälschten Wertungen beim Publikumspreis wieder zu löschen. Man munkelt, dass sogar die Juroren mehr Zeit mit dem Löschen von getürkten Stimmen verbringen, als mit dem Sichten und Bewerten der Beiträge.

Ganz offensichtlich sind die Macher von der technologischen Kompetenz und der kriminellen Energie der Netzkünstler überrascht worden.

Der Guildo-Horn-Effekt hat nun auch die Internetliteratur, oder das, was von ihr übrig bleibt, erreicht. War die Wahlwiederholung auf dem Handy noch eher ein steinzeitliches Werkzeug der Siegermanipulation, bietet der Computer da schon ganz andere und viel ausgereiftere Methoden. Leicht konsterniert schreiben daher auch die Veranstalter:

»Leider kann auch der neue Abstimmungsmodus mit seinem recht umständlichen Verfahren viele nicht davon abhalten, mit einem bemerkenswerten Potential an kreativer Energie bis zu 70 mal für denselben Beitrag zu stimmen. Dies ist um so ärgerlicher, als die mit der Überprüfung und Administration betrauten Webmaster und Techniker auf Honorarbasis beschäftigt sind und so den Betreibern des Wettbewerbs ein beträchtlicher finanzieller Mehraufwand entsteht.

Wir versichern Ihnen, dass wir alle Mehrfachstimmen durch Auswertung unserer Logfiles, Vergleich der Zugriffsdaten und Rückfrage bei einigen Providern hinreichend erkennen können. Wir werden bis auf weiteres im Abstand von einigen Tagen das Abstimmungsergebnis um die Mehrfachstimmen bereinigen. Dadurch wird es in der Top-Ten-Grafik zu einigen sprunghaften Veränderungen kommen.

Sollte die Arbeit an der Berichtigung des Abstimmungsergebnisses ein vertretbares Maß übersteigen, werden wir den Publikumspreis unter großem Bedauern ganz streichen. Wir fänden das sehr schade, zumal im letzten Jahr die Schaffung eines Publikumspreises von vielen Autoren erst angeregt worden war. Warum Autoren ihn nun durch Manipulation wieder unmöglich machen wollen, ist für uns nur schwer nachvollziehbar.«

Hätten die vergeistigten Feuilletonisten der ZEIT aufmerksamer den Siegeszug des Meisters in Birmingham verfolgt, wären sie vorgewarnt gewesen. Dennoch sind die Wettbewerbsmacher, wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, nicht, wie es hier den Anschein hat, unglücklich über diese Sabotageangriffe. Denn erstens gäbe es sonst überhaupt nichts über den Wettbewerb zu berichten, und zweitens nehmen die Hacker der Jury die Arbeit ab. Längst ist es beschlossene Sache: wer beim Publikumspreis nicht bescheißt, bzw. dazu zu doof ist, bekommt als wahrer techniktumber und zeitgeistferner Literat den Preis der Jury.

Aber auch diese Jurystrategie hat sich mittlerweile bei den Literatursaboteuren herumgesprochen. Seit heute Mittag stimmt ein quarzgesteuerter, dezentral programmierter, anonymer Chamäleon-Hotmail-Account in Abständen von 3 Nanosekunden reihrum für alle Beiträge. Die ZEIT hat angekündigt, noch mehr freie Mitarbeiter mit dem Löschen dieser elektronischen Falschstimmen zu beauftragen. Bei den Landesarbeitsämtern sind Langzeitarbeitslose angefordert worden, um den Bytemüll auf dem Pegasus-Server zu beseitigen. Daraufhin meldeten sich zahllose Arbeitslose krank, so dass die ZEIT ihre guten Kontakte zur polnischen ›Polityka‹ nutzen musste, um Saisonarbeiter aus Polen heranzuschaffen.

Wegen der hohen Kosten, die dadurch entstehen, haben die Veranstalter beschlossen, das Preisgeld zu kürzen. Der 1. Preis wurde auf 10.000 Schilling reduziert. Und statt eines Thinkpad gibt es jetzt nur noch ein Mousepad. Auch die Zeremonie der Preisverleihung wurde verändert. Die Preise sollen nun von Guildo Horn überreicht werden, nachdem der Meister in einem dreistündigen Konzert genügend Schweiß in seinen Haaren gesammelt hat, um den glücklichen Gewinner von allen Zweifeln reinzuwaschen, er könne sich den Preis durch technische, sexuelle oder finanzielle Tricks erschlichen haben. Piep, piep, Guildo hat ihn lieb. – Solingen 8. Oktober 1998

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