Über die Eselsohren in der Netzliteratur

Aus berufenem Mund haben wir erfahren, dass Literatur im Internet eine irrige Vorstellung ist, weil erstens Literatur im Internet sich verflüchtigt, da sie nicht zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden kann, und zweitens, weil Christian Benne nicht weiß, wie er den Internetwerken mit seinen gelehrten Randnotizen zu Leibe rücken kann, ohne die Scheibe seines Monitors voll zu sudeln. Wenn letztere, also seine Randnotizen, dieselbe Qualität haben, wie sein Artikel in der ZEIT, dann ist das für die Literatur im Netz wahrlich kein Verlust. Und ob die Dauerhaftigkeit von ledernem Pergament wirklich notwendige Bedingung für Literatur ist, kann ich nicht beurteilen, da ich nie darauf geschrieben habe, obwohl ich mich schon häufiger wie ein Mönch fühlte.

Dass Benne in Wirklichkeit nicht gegen Literatur im Internet polemisiert, sondern gegen die großmäuligen Verkünder einer neuen interaktiven, nicht-linearen, kollaborativen Literatur, wird deutlich, wenn er behauptet, die Literatur im Internet sei nicht interaktiver als jeder x-beliebige Roman. Scheinbar ist die Interaktivität der Netzliteratur für ihn so selbstverständlich, dass er sie gar nicht mehr als angebliches Merkmal von Internetliteratur erwähnt, sondern gleich auf die gesamte Weltliteratur ausdehnt; frei nach dem Motto: Ätsch, schon Homer war ein alter Linker, nur hießen die Links bei ihm noch Anspielungen. Dass in mehreren tausend Jahren Literaturgeschichte, wie er behauptet, nie ein kollaboratives Werk von Weltgeltung entstanden sein soll, zeigt, dass er weder seinen Homer (oder soll ich zur Verdeutlichung schreiben seine Homers?) gelesen hat, noch jemals den Teutschen Nationalepos, die Nibelungen. Auch die angeblich heiligen Schriften der Juden und Christen zählt er offensichtlich nicht zur Weltliteratur. Vielleicht hat Benne seine literarische Sozialisation durch die Blechtrommel erfahren und glaubt jetzt fest daran, dass Literatur immer von einem Pfeife rauchenden Stehpultschreiber ersonnen und von einem ganzen Volk wie gekochter Aal verschlungen werden muss. Ein Volk, ein Buch, ein Schriftsteller – und am besten noch ein Kritiker, und zwar Benne.

Zum Schluss holt Benne dann den Rothermund aus dem Sack, von dem er das Keulenargument des Dilettantismus übernimmt, der sich deshalb im Internet wie Kinderpornos breitmache, weil es im Netz kein Copyright gibt. Vielleicht sollte Benne dazu mal die Rechtsabteilung von ARD-Online konsultieren, die sich im Internet so auskennt, wie der Schlachter im Citratzyklus eines Schweinepankreas. Aber nehmen wir einmal an, da käme wirklich mal jemand auf die Idee, das Sudelbuch so mir nichts dir nichts zu kopieren, dann wäre ich in der gleichen Lage wie Christoph Martin Wieland vor 200 Jahren, dessen Agathon häufiger in Raubdrucken als in autorisierten Auflagen erschien.

Aber für den weit gesurften Netizen Benne steht fest, dass es im Internet kein Lektorat und keine konstruktive Kritik geben kann. Und wenn ich mir seinen Artikel so anschaue, dann hat er wohl recht, wenigstens in Bezug auf den Journalismus. Denn es kann nur an der fehlenden konstruktiven Kritik und an dem nicht existenten Redaktionslektorat liegen, dass sein Artikel auf der Homepage der ZEIT und nicht im elektronischen Recycler gelandet ist. In der Printausgabe, da bin ich sicher, hat der Chef vom Dienst die Benneschen Plattitüden, Irrtümer und Schrullen bestimmt redigiert und ersatzlos gestrichen.

Nun ist Benne überhaupt ein Mensch, der nach Orientierung sucht, schreibt er doch: »Den öffentlichen Horizont brauchen wir, denn nie sind wir sicher, dort zu sein, wo wir hingehören.« Ich will also nicht so sein, und mal ein wenig öffentlichen Horizont spielen: »Herr Benne, wie konnten sie sich nur zur ZEIT verirren!«

Aber bleiben wir beim Thema: Seine Argumentation ist im wahrsten Sinne des Wortes blendend. Seine Syllogismen sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Beispiel: Literatur im Internet kann es nicht geben, weil sie keine ›moderne literarische Öffentlichkeit‹ schaffen kann. Und das kann sie nicht, weil heutzutage auch in Kreisen, in denen man viele Bücher liest, der gerade aktuelle Hollywoodfilm Thema der ›zivilen und entspannten Gesprächskultur‹ ist. Im Philosophieseminar nannten wir das immer den Modus ›Else‹. (Gemeint ist die dusselige Kuh von Alfred Tetzlaff.)

Als öffentlicher Horizont kann ich da, analog zum Titel seines Aufsatzes (›Lesen, nicht klicken‹), nur rufen: Denken, nicht flicken!

›Moderne literarische Öffentlichkeit‹, wahrlich ein schwergewichtiges Wort, mit dem man auf einer Party auch in belesenen Kreisen immer ein wenig wie Woody Allen wirkt. Aber vielleicht versucht er es ja mal im Internet mit seiner ›modernen literarischen Öffentlichkeit‹: Dann klappt’s auch mit der Nachbarin.

Sie sind herzlich eingeladen. Nur eins verbitte ich mir, Herr Benne: In mein Sudelbuch machen Sie mir keine Eselsohren! Sonst ziehe ich Ihnen die Ihrigen lang. – Solingen 5. September 1998

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