Klingende Münze und tanzende Verhältnisse

Opas Internet ist tot!

Am vergangenen Wochenende traf sich ein knappes Dutzend Netzliteraten1 in Konstanz, um über das zu diskutieren, was ihnen am meisten am Herzen liegt: ihre Zugriffszahlen. Wer sich erhofft hatte, dass in Konstanz ein revolutionärer Ruf wie weiland in Oberhausen erschallen würde, der wurde enttäuscht. Da jedoch keiner damit gerechnet hatte, wurde auch niemand enttäuscht. Die Verhältnisse sind eben umso leichter zu ertragen, je weniger man sich bemüht, sie zu verändern.

Dabei waren die äußeren Umstände gar nicht mal schlecht, um Pamphlete, Manifeste und Resolutionen zu verfassen, wenn man einmal davon absieht, dass man es kaum übers Herz bringt, auf einem teuren IBM-Laptop Ungehöriges aufs digitale Papier zu bringen. So wurde z. B. das Grill-Lagerfeuer am See (eigentlich ein Skandal bei einem Arbeitstreffen!) wegen drohender Wolkenbrüche abgesagt, die sich dann auch genau zur vorhergesagten Zeit einstellten. In Michael Charliers Hotelzimmer fehlte eine für seinen Laptop passende TAE-Buchse, und in meinem Quartier war das Klo wie 68 auf halber Treppe und warmes Wasser hätte es, wie 1718, nur dann gegeben, wenn ich bereit gewesen wäre, in einem riesigen Holzofen eine Viertel Fichte zu verbrennen. Doch Dirk Schröder löste sämtliche Probleme ad hoc. Für Michael besorgte er einen Adapter, statt Würstchen zu grillen, aßen wir beim Italiener, und ich ging zum Duschen einfach über den Rhein zu Schröders.

Dirks Engagement wurde ihm jedoch kaum gedankt. Seine Eingangsfrage (»Wie kann man die Mailingliste Netzliteratur wieder etwas beleben«), die er zu Beginn unserer seminaristischen Zusammenkunft am Samstag in den Räumen seiner Schule stellte, wurde, wie jede produktive Frage, nicht beantwortet. Ob das daran lag, dass die Antwort auf diese Frage in Arbeit ausarten könnte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte er auch vorher keine Zeitung verteilen sollen, in der der Setzer statt der Times Fliegenbeine benutzt hatte.

Denn die Fliegenbeine bekamen Flügel und summten eine Weile in unserer Runde herum, bis jeder seine Fliegenklatsche herausholte und wir alle gemeinsam eine nach der anderen totschlugen, bis wir glaubten, nur noch ein einziges Insekt, das netzliterarische, im Raum summen zu hören. Als wir die Fliege schließlich fanden, lag sie auf dem Rücken, surrte brummsend im Kreis herum und war am Verrecken. Wir sahen ihr dabei eine Weile zu und bemerkten nicht, dass unsere Diskussion dabei mehr und mehr ihren verrenkten Fliegenbeinen ähnelte. Als wir uns schließlich, dank Reinhold Grethers fachkundiger Unterstützung, vollends im systemtheoretischen Begriffsnirvana zu verlieren drohten, brachte uns Oliver Gassner mit einem kurzen Auftritt an der Tafel wieder auf die Erde, sprich auf den Diskussionsstand von Sommer ’97, zurück, indem er der netzliterarischen Fliege auf seine unnachahmlich geduldige Art erst die Flügel, dann die Beine ausriss und beides nach systematischen Gesichtspunkten an die Tafel klebte.

Nachdem wir Olivers Fliege von der Tafel abgezeichnet hatten, wendeten wir uns wieder der Netzliteratur zu. Michael Charlier hatte MYST und RIVEN mitgebracht. Da die beiden anwesenden IBM-Laptops sich jedoch strikt weigerten, das Spiel zu starten, wurde MYST kurzerhand auf Arnold Schillers Laptop installiert, mit dessen Touchpad Michael jedoch nicht zurechtkam, weshalb seine Führung durch die Welt von MYST recht mühsam vonstatten ging. Claudia Klinger stellte daraufhin fest, dass der gemeinsame Kampf mit der Technik, friedensschaffend sei, womit das Treffen dann doch noch einen gewissen sozial-utopischen Charakter bekam. Als sie dann aber auch noch von tanzenden Verhältnissen sprach, die man durch das Internet erreichen könne, flüchteten wir uns nach kurzer Irritation schnell in eine Diskussion über klingende Münzen. Dieser zweite Teil des Netzliteratur-Seminars war dann auch geprägt durch handfeste Diskussionsbeiträge, die jeden Marketingleiter in Erstaunen versetzt hätte. Cyber-Cash und Content-Providing, was man, wie Oliver erklärte, unbedingt auf der ersten Silbe betonen sollte, um eine Verwechslung mit der Zufriedenheit des Kundens zu vermeiden, waren die Themen, die wir in der verbleibenden Zeit streiften.

Später am Abend, nach dem Essen beim Italiener, führte uns Michael auf Dirks Computer auch noch RIVEN vor, das noch teurer war und deshalb noch schöner ist, auch wenn die deutsche Asynchronisation grottenschlecht ist. Aber was für Perspektiven, wenn sich einmal ein James Joyce den enigmatischen Möglichkeiten der Spieleproduktion annehmen würde, oder wenn einmal ein Orson Welles mit der großen Eisenbahn spielen dürfte! Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aus Zeitmangel wurde RIVEN zwar nicht mehr dekonstruiert, aber immerhin weiß ich nun, dass es an der Differenz von Rezeption und Proprio-Rezeption liegt, wenn mir beim Betrachten der Achterbahnfahrten in RIVEN schlecht wird.

Soviel zu den literarischen Highlights des Konstanzer Konzils. Kommen wir zu den Erscheinungen am Rande. Da wirbt z. B. in Konstanz der sozialdemokratische Direktkandidat für den Bundestag mit einem roten Plakat, auf dem ganz schwach im Hintergrund sein Konterfei zu erkennen ist. Warum der Kandidat so blass daherkommt, erfährt man durch einen einfachen Hauptsatz, der das Plakat mit ergreifender Nüchternheit ziert: ›Herbert Weber ist 39 Jahre verheiratet.‹ Was will er seinem Kanzlerkandidaten damit wohl sagen?

Natürlich kann ich nicht über Konstanz schreiben, ohne der zehn Meter hohen Statue der Imperia im Hafen zu gedenken, die Papst und Kaiser, wie zwei schlappe Würstchen auf ihren Händen trägt. Diese Imperia soll mit den erwähnten beiden hohen Herren während des Konstanzer Konzils Schlitten gefahren sein, was natürlich nur eine Legende ist. Wahr ist aber wohl, so munkelt man, dass der Künstler seine Kolossin von Konstanz den Stadtvätern als Konstanzia untergeschoben hat: für teures Geld.

Wir Netzliteraten sollten daraus lernen und für klingende Münze die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Vielleicht mit fischigen Sudeleien aus dem Greenpeace-Archiv für Iglo und seine Fischstäbchen. – Solingen 4. August 1998

Literatur

Gassner, Oliver: ML Netzliteratur - ListenTreffen. 1998. Internet: http://www.netzliteratur.de/kn.htm. Zuletzt geprüft am: 12.8.2014.

Netzliteratur // Internetliteratur // Hyperfiction // Netzkunst. 1998. Internet: http://www.netzliteratur.net/. Zuletzt geprüft am: 12.8.2014.

Fußnoten


  1. Bei den Netzliteraten handelte es sich um Mitglieder der Mailingliste ›Netzliteratur‹. Mehr Informationen über dieses Treffen finden Sie unter: Gassner, Oliver: ML Netzliteratur - ListenTreffen. 1998. Internet: http://www.netzliteratur.de/kn.htm. Zuletzt geprüft am: 12.8.2014. Eine Sammlung von Literaturhinweisen zum Thema Netzliteratur finden Sie auf: Netzliteratur // Internetliteratur // Hyperfiction // Netzkunst. 1998. Internet: http://www.netzliteratur.net/. Zuletzt geprüft am: 12.8.2014.

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