Fußballweltmeisterschaft ist…

… wenn zweiundzwanzig Spieler hinter dem Ball herlaufen und am Ende Deutschland gewinnt. Das soll Gary Linneker gesagt haben. Seit gestern wissen wir: Fußball ist, wenn England im Elfmeterschießen rausfliegt. Über achttausend Sekunden habe ich meiner Lieblingsmannschaft (nach der deutschen selbstverständlich) die Daumen blau und grün gedrückt. Alles umsonst. Auch die stundenlangen schamanischen Beschwörungsgesänge aus tausend englischen Kehlen haben nichts geholfen. Ein Engländer schießt immer vorbei. Diesmal der unglückliche Batty. Die Nerven!

Ein Fußballspiel wird eben im Kopf entschieden. Und die entscheidenden Ideen in den beiden Spielen gestern hatten die Schiedsrichter. Dieser Däne im Englandspiel war voll im Ikea-Rausch: Entdecke die Möglichkeiten. Schnell mal hier einen Elfmeter pfeifen, dann dort, und schon bekommt das Spiel den nötigen Schwung. Verlängerung? Elfmeterschießen? Show-down à la Hollywood? Kein Problem, stellen wir einfach einen Engländer vom Platz. Nur wie und wen? Dann in der 50. Minute: Beckham tuschierte, als er nach einem Foul auf dem Bauch am Boden lag, den Argentinier mit der Hacke an der Wade, der Argentinier fällt theatralisch brüllend hin und die Pfeife pfeift Rot wegen Nachtretens. Das ist kreatives, zuschauerfreundliches Pfeifen: mehr Spiel fürs Geld. Tore gab es ja in der ersten Halbzeit schon genug.

Im Spiel Kroatien gegen Rumänien konnte der Schiedsrichter dagegen das torlose Rumgeschiebe nicht mehr ertragen und entschied die Partie zugunsten der Kroaten durch einen Foulelfmeter. Wahrscheinlich gab die Haarfarbe den Ausschlag. Aber die elf blonden Rumänen sind selbst Schuld. Wussten sie nicht, dass der Schiedsrichter aktives Mitglied der Gesellschaft gegen das Klonen von Menschen ist?

Und dann die Fouls. Früher konnten sich die Zuschauer noch an spektakulären Fouls delektieren. Nun aber ist Fußball ein körperloses Spiel, wie Basketball und Rommé. Und das ist Seehofers Schuld. Seitdem Fußballer für ihren Logopäden einen Eigenbetrag aufbringen müssen, will keiner mehr ein Verletzungsrisiko eingehen. Die Spieler nicht, die Vereine nicht und natürlich auch nicht die Krankenkassen. Wer möchte schon die Beine eines Stürmers versichern, wenn der Gegner nichts anderes im Sinn hat, als von hinten voll in die Hacken zu springen, Innen- und Außenbänder abzureißen, Muskeln und Adduktoren zu prellen und Gelenkkapseln zu sprengen. Fußballspieler lebten ja gefährlicher als Kroaten und Moslems in serbisch besetzten Gebieten. Da musste etwas passieren.

Zwei Fragen bleiben unbeantwortet: Können Schiedsrichter im Achtelfinale ausscheiden? Und besteht die Gefahr, dass die deutsche Mannschaft auch auf einen solchen Gegner trifft? – Solingen 1. Juli 1998

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