Der Massentourismus endet, wenn die Massen es wollen
“Der Massentourismus endet, wenn die Massen es wollen.” Dieses Fazit zog heute ein Kommentar im Radio zu den Protesten auf Mallorca gegen den Massentourismus. Ein trauriges Fazit, aus dem weniger Resignation als vielmehr das kritiklose Hinnehmen des Faktischen spricht. Die Massen haben keinen Willen, sie machen, was alle machen. Das entbindet sie und jeden Einzelnen, der sich in der Masse versteckt, von jeglicher Verantwortung für sein Handeln. Diese Haltung ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen neoliberalen Indoktrination. Der Markt regelt alles. Alle dürfen alles und alle können alles, weil der Kapitalismus für billige Pauschalreisen sorgt. Und während die Masse bekommt, was sie in den Augen der Herrschenden verdient, den Massentourismus, entdecken die Herrschenden die nächste Destination, die von der Masse so schnell wie möglich überlaufen werden soll. Die Gipfel des Himalaya sind es längst. Die Schwerelosigkeit eines Raumfluges ein paar Mal um die Erde ist noch den Soziopathen des Kapitalismus an der Spitze vorbehalten. Glaubt man den Versprechungen der Herrschenden, soll sich das aber bald ändern.
Nicht alle nehmen den Kapitalismus kritiklos hin. Vor einigen Jahren forderte die Letzte Generation die Regierenden auf, den Klimanotstand auszurufen. Der japanische Marxist Kohei Saito ließ sich davon inspirieren. In seinem neuen Buch mit dem Titel “Am Ende des Fortschritts: Überleben in den Ruinen des Kapitalismus” fordert er eine “Diktatur der Ökologie”, eine Kriegswirtschaft, um zu retten, was noch zu retten ist. In dem Buch davor hat er noch einen “Degrowth-Kommunismus” gefordert. Sein nächstes Buch soll den Titel “Dark Socialism: Hope in a Ruined World” tragen. Die Leser dürfen gespannt sein, ob er immer noch einen großen Bogen um den einzigen Sozialismus macht, der funktioniert und vermutlich mehr für das Überleben der Menschheit tut, als alle Klimabewegungen zusammengenommen.
Saito umkreist in seinen Büchern das eigentliche Problem der heutigen Zeit. Es gibt niemanden, der dem Kapitalismus und den Massen, die sich ihm willig hingeben, Einhalt gebieten könnte. Es gibt fast niemanden. Denn die Kommunisten in China versuchen sogar den Spagat, den Kapitalismus als Werkzeug zu nutzen, um China wieder zu einem reichen und modernen Land zu machen. Das funktioniert nur, weil es mit dem Staat und der Kommunistischen Partei in China ein mächtiges Gegengewicht gegen den neoliberalen Kapitalismus gibt.
Für Saito scheint auch in den westlichen Demokratien der Staat das einzige Gegengewicht zum zerstörerischen Kapitalismus zu sein. Seine Vorstellungen vom Klimanotstand bzw. von der Kriegswirtschaft stützen sich unter anderem auf der antiken Vorstellung vom römischen Diktator, der ein auf kurze Zeit gewählter Spitzenbeamter der Republik war, dem die Aufgabe zufiel, mit unumschränkter Macht durch eine Krisenzeit zu führen und den Status quo antes wieder herzustellen. Ein ähnliches Beispiel findet Saito in den USA, wo die Autoindustrie nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Jahre lang keine privaten Autos fertigen durfte und stattdessen ausschließlich für das Militär produzierte. Während der Corona-Pandemie beschränkten fast alle Länder die Freizügigkeit für ihre Bürger und der Impfstoff wurde anfänglich rationiert, um die besonders gefährdeten Personen als erstes schützen zu können.
Zu sagen, dass der Massentourismus endet, wenn die Massen es wollen, ist dumm und zeugt von einer extrem eingeschränkten Sichtweise. Der Massentourismus endet, wenn die Regierungen von Spanien, Katalonien und Mallorca ihre Ferienziele rationieren und jedes Jahr eine sehr viel kleinere Anzahl von Menschen ins Land lassen als heute. Saito hat recht: wir werden alles rationieren müssen, um die totale Barbarei zu verhindern. Ob die westlichen Demokratien nach Jahrzehnten neoliberaler Gehirnwäsche dazu noch die Mittel besitzen, ist mehr als fraglich. Und den Sozialismus chinesischer Prägung mag Kohei Saito nicht. Das ist aber vermutlich ein intellektueller Luxus, den man sich nicht mehr lange leisten kann.