Die Wahrheit auf Papier

Die Lichtenberg-Variationen sind kleine essayistische Improvisationen über ein Thema, das Lichtenberg in seinen Sudelbüchern vorgegeben hat. In dieser Variation geht es darum, wie wir Wahrheit von einem Kopf in den anderen verpflanzen können.

Ob sich Lichtenberg der unfreiwilligen Selbstbezüglichkeit seiner Aussage bewusst war, als er dies in sein Sudelbuch schrieb? »Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf.« (E 196) Hat hier Wahrheit unbeschadet ihren Weg aufs Papier gefunden oder kam ihr etwas dazwischen? Gern würde ich mich für Lichtenberg verbürgen. Aber Lichtenberg selbst begegnete seine eigenen Gedanken bereits nach wenigen Jahren wie denen eines Fremden. So schrieb er später: »Wenn ich zuweilen in einem meiner alten Gedankenbücher einen guten Gedanken von mir lese, so wundere ich mich, wie er mir und meinem System so fremd hat werden können, und freue mich nun so darüber, wie über einen Gedanken eines meiner Vorfahren. (K 44) Soweit wie Baudelaire, der, seine Meinung zu ändern oder sich gar selbst zu widersprechen, als ein Vergnügen empfand, auf das er niemals verzichten würde, ging Lichtenberg freilich nicht. Er war Wissenschaftler, kein Dandy. Würde er heute leben und wäre er psychoanalytisch geschult, käme auf die Frage nach der Wahrheit und dem Papier sicher ein Achselzucken zurück: »Kann ich es wissen?«

Wie auch immer, Lichtenberg würde darauf bestehen, dass nur wer eine eigene Meinung hat, diese auch ändern könne. »Meine lieber selbst!« hatte er seinen Zeitgenossen im Sudelbuch-Eintrag D 121 zugerufen. Wer eines andern Meinung für die seine ausgibt, wer also nachbetet, was ein anderer ihm vorgedacht hat, muss wohl oder übel daran kleben bleiben, weil ihm sonst nichts bleibt. Ob dies nun das Dogma einer Kirche, die Ideologie einer Partei oder einfach nur das Gerede der Leute ist, macht keinen Unterscheid.

In den letzten 250 Jahren sind die Hindernisse für die Wahrheit, Selbstbezüglichkeit hin oder her, nicht kleiner, sondern eher größer geworden. Und kaum hat man das eine Hindernis abgebaut, entsteht an anderer Stelle ein neues. Nicht selten baut man sich sogar abenteuerliche Gerüste, um die Hindernisse zu übersteigen und vergisst dabei, dass manch einer von uns nicht klettern kann und vor lauter Gerüsten die Wahrheit nicht mehr sieht. In der Postmodernen ist sie ohnehin bloß Störfaktor, das Rauschen zwischen dem verlogenen Signal.

Doch auch die, fast könnte man sagen, guten alten Hindernisse, die Lichtenberg im Auge hatte, stehen noch unverrückt zwischen Kopf und Papier. Dummheit und Vorurteil, Angst und Gewalt: so heißen vier der eintausend Hindernisse, die die Wahrheit zu überwinden hat, um den Kopf in Richtung Papier zu verlassen, wenn sie denn überhaupt ursprünglich im Kopfe anwesend war. Denn »wer nichts in seinem Kopf verloren hat kann nichts finden«, notierte Lichtenberg an anderer Stelle1, und wo nichts gefunden wird, kann auch nichts zu Papier gebracht werden. Darüber darf auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass dieses Nichts endlos lange Bestsellerlisten füllen kann. Von allen vieren, der Dummheit, dem Vorurteil, der Angst und der Gewalt, haben wir auch heute noch leider mehr als genug. Und so stehen wir vor dem Paradox, dass, obwohl heute mehr geschrieben wird als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, die Wahrheit es nur sehr selten bis aufs Papier schafft. Sie wird entweder durch Dummheit und Vorurteil entstellt oder durch Angst und Gewalt erstickt, lange bevor die Feder das Papier berührt.

Sollte sie es aber trotzdem einmal schaffen, aus dem Kopf aufs Papier zu kommen, so muss sich ein anderer Kopf finden, der sie unter tausend Nichtigkeiten und Lügen findet und trotz der neunhundertneunundneunzig anderen Hindernisse wieder in sich aufnimmt. Allzu oft dürfte daher die Transplantation einer Wahrheit von Mensch zu Mensch nicht gelingen.

Trügt also der Glaube, dass es Lichtenberg hier gelungen ist, eine Wahrheit an allen Hindernissen vorbei aufs Papier zu schmuggeln? Empfinden wir beim Lesen seiner Aphorismen bloß ein ästhetisches Vergnügen, das wir als Wonne der Wahrheit missverstehen? Nun war die Ästhetik damals noch ein Teil der Philosophie und nicht des Boulevards. Wir befinden uns noch im Jahrhundert der Aufklärung, nicht der Verklärung. »Ein guter Ausdruck ist so viel wert als ein guter Gedanke, weil es fast unmöglich ist sich gut auszudrücken ohne das Ausgedrückte von einer guten Seite zu zeigen« (E 324)

Bei den meisten Aphorismen hat man den Eindruck, dass es einer kleinen Wahrheit durch schieres Glück gelungen ist, sich an allen inneren Zensoren vorbei ins Freie zu drängeln und frisch wie ein Neugeborenes aufs Papier zu fallen. Dies ist wohlgemerkt der Eindruck beim Lesen, wenn die Wahrheit – nicht selten nach einigen Hundert Jahren – vom Papier wieder zurück in den Kopf muss. Dass uns aber ein Aphorismus leicht zu Kopf steigt, heißt nicht, dass es dem Dichter leicht fiel, ihn aus seinem Kopf heraus zu bekommen. Einer muss sich immer quälen, wie Wolf Schneider sagte, der Schreiber oder der Leser. Bei Aphorismen erwarten wir selbstverständlich, dass sich der Dichter gequält hat, schont er sich doch gerne bei vielen anderen literarischen Formen.

Nun wissen wir jedoch, dass sich Lichtenberg bei der Niederschrift des Satzes ganz und gar nicht gequält hat. Er verglich sein Sudelbuch mit dem Waste Book der englischen Kaufleute.

»Die Kaufleute haben ihr Waste book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein was sie verkaufen und kaufen, alles durch einander ohne Ordnung, aus diesem wird es in das Journal getragen, wo alles mehr systematisch steht, und endlich kommt es in den Leidger at double entrance nach der italiänischen Art buchzuhalten. In diesem wird mit jedem Mann besonders abgerechnet und zwar erst als Debitor und dann als Creditor gegenüber. Dieses verdient von den Gelehrten nachgeahmt zu werden. Erst ein Buch worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe oder wie es mir meine Gedanken eingeben alsdann kann dieses wieder in ein anderes getragen werden, wo die Materien mehr abgesondert und geordnet sind, und der Leidger könnte dann die Verbindung und die daraus fließende Erläuterung der Sache in einem ordentlichen Ausdruck enthalten.« (E 46)

Lichtenberg selbst ist nicht mehr dazu gekommen, den Gedanken im Journal zu ordnen, um ihn endlich im Leidger so auszulegen und festzuhalten, dass er von den philosophischen Buchprüfern kontrolliert werden kann. Wir müssen das wohl oder übel selbst tun, durch aktives Lesen, wie Lichtenberg es nennen würde.2 Aktives Lesen ist Schreiben, was für den Leser des Geschriebenen wiederum aktives Lesen bedeutet. Die Wahrheit pendelt also fortlaufend zwischen allerlei Köpfen und Papieren hin und her und muss dabei immer neue Hindernisse überwinden. Das geht so fort, bis Kopf, Wahrheit, Hindernisse und Papier in Eins, nämlich Staub, zusammenfallen. Das ist der Tag, an dem die Geschichte ihre Bücher schließt, wie Lichtenberg schrieb.3 Ob dann alles gut sein wird, weiß ich nicht, meinen Bass werde ich bis dahin aber hören lassen.


  1. »Man kann, was einer erfindet, immer ansehen als hätte er es verloren, es ist nur so zu reden verlegt in seinem Kopf, wer nichts in seinem Kopf verloren hat kann nichts finden.« (D 640) [return]
  2. Vgl. Sudelbuch E 266: »Der noch nicht einmal passives und aktives Lesen unterscheiden kann.« [return]
  3. Vgl. Sudelbuch E 61: »Ich bin überzeugt, daß alles gut sein wird an dem Tage, wenn die Geschichte ihre Bücher schließt, aber wer kann mir verdenken, wenn ich auch zuweilen meinen Baß in diesem Konzert brumme?« [return]