Die Bürgerticket-Genossenschaft

Ein preisgünstiges Ticket für alle, so günstig wie das Semesterticket für Studenten: das wünschen sich nicht nur viele Bürger, das wäre auch der Anfang einer echten Verkehrswende. Doch wer soll darüber mit den Verkehrsverbünden verhandeln? Die Politik verweigert sich, der einzelne Bürger ist machtlos. Aber viele Bürger, organisiert in einer Genossenschaft, können das Bürgerticket Wirklichkeit werden lassen.

Überall in Deutschland bilden sich Bürgerinitiativen, die ein preiswertes Ticket für den öffentlichen Nahverkehr fordern: der Arbeitskreis Bürgerticket Bonn1, das Bündnis Unsere Stadtwerke Wuppertal2,die Osnabrücker Sozialkonferenz (OSK) und die Osnabrücker Klimaallianz (OK)3 sowie zahlreiche Initiativen rund um die Piratenpartei.4

Das Ziel dieser Initiativen ist ein neues, solidarisches Finanzierungsmodell für den öffentlichen Verkehr. Begriffe, die in diesem Zusammenhang fallen und zumeist in die Irre führen, lauten: fahrscheinloser Nahverkehr, kostenloser ÖPNV, Nulltarif. Natürlich soll der öffentliche Verkehr für die Menschen preiswerter werden. Sehr viel wichtiger aber ist, dass gleichzeitig mehr Geld ins System kommt, damit wir den öffentlichen Verkehr attraktiver, praktischer und pünktlicher machen können. Deshalb sollte man besser von Flatrate-Tarifen oder dem umlagefinanzierten öffentlichen Verkehr sprechen.

Bei einer Umlagefinanzierung zahlt jeder Haushalt einen festen Betrag für den öffentlichen Verkehr, sodass man Busse & Bahnen in Deutschland ohne Fahrschein und ohne zusätzliche Kosten benutzen kann. Diese Lösung wäre revolutionär. Erstmals würden Bus & Bahn zum Verkehrsmittel Nummer 1 werden, die immer schon bezahlt sind und daher preislich bei jeder Fahrt enorm attraktiv sind. Doch gegen die Umlagefinanzierung sträubt sich – mit Ausnahme der Piratenpartei – die gesamte Politik von links bis rechts.

Deshalb bringen die Initiativen als kurzfristige Lösung den Flatrate-Gedanken ins Spiel, der sich in Deutschland beim Semesterticket für Studenten millionenfach bewährt hat. Einmal zahlen, immer fahren.

Doch auch diese Lösung lässt sich nicht so einfach gegen die herrschenden Strukturen durchsetzen. Die Semestertickets wurden nämlich zwischen der Studentenschaft und den Verkehrsverbünden ausgehandelt.5 Sie sind das Ergebnis einer langwierigen Rabattverhandlung. Die Idee ist einfach: Wer ein Ticket kauft, zahlt den vollen Preis, wer Hunderttausende kauft, kann satte Rabatte aushandeln, die das Semesterticket schließlich so günstig gemacht haben.

Die Studenten sind ein Organ, sie bilden die Studentenschaft. Sie werden nach außen durch die Asten vertreten.6 Und als Teil der Studentenschaft ist jeder Student verpflichtet, das Semesterticket zu erwerben, wenn sein ASTA dem Deal zugestimmt hat.

Ein Bürgerticket könnte noch günstiger sein als das Semesterticket, denn es gibt viel mehr Bürger als Studenten. Und je mehr Leute mitmachen, umso größer wird der Rabatt. Doch leider gibt es außer der Politik keinen Ansprechpartner, der über ein solches Bürgerticket mit den Verkehrsverbünden verhandeln könnte. Und die Politik verweigert sich.

Wenn keiner da ist, der verhandeln kann, dann gründet man eine Organisation, die für ihre Mitglieder tätig wird.

Ich schlage deshalb die Gründung einer Genossenschaft vor.

Wikipedia beschreibt eine Genossenschaft folgendermaßen:

»Eine Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von natürlichen beziehungsweise juristischen Personen, deren Ziel der Erwerb oder die wirtschaftliche beziehungsweise soziale Förderung ihrer Mitglieder durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb ist.«

Die Bürgerticket-Genossenschaft wäre eine Einkaufsgenossenschaft, die

  • für ihre Mitglieder ein günstiges Ticket bei den Verkehrsverbünden aushandelt,
  • Tickets in großer Zahl einkauft,
  • diese an ihre Mitglieder weiterverkauft
  • und somit die Mitglieder wirtschaftlich und sozial fördert.

Mitglieder der Genossenschaft haben sich beim Eintritt in die Genossenschaft dazu verpflichtet, dieses Ticket abzunehmen. Der Vorstand der Genossenschaft kann also gegenüber den Verkehrsverbünden die Abnahme einer bestimmten Zahl von Tickets garantieren. Damit werden Rabatte in bisher nicht denkbarer Höhe möglich!

Warum eine Genossenschaft? Eine Genossenschaft hat viele Vorteile.

  1. Sie ist demokratisch organisiert. Die Mitgliederversammlung ist das höchste Entscheidungsorgan einer Genossenschaft.
  2. Die Mitglieder haften nur mit ihrer finanziellen Einlage. Sie gehen also kein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko ein, wenn sie Mitglied einer Genossenschaft werden.
  3. Das Mitglied bekommt seine finanzielle Einlage zurück, wenn es die Genossenschaft wieder verlässt.
  4. Die Genossenschaft ist wirtschaftlich voll handlungsfähig.
  5. Es gibt genossenschaftliche Dachverbände, die Genossenschaften durch Beratung unterstützen.
  6. Es gibt genossenschaftliche Prüfungsverbände, die die Genossenschaften regelmäßig kontrollieren, indem sie zum Beispiel die Jahresabschlüsse prüfen und testieren.

Die größte Herausforderung für die Bürgerticket-Genossenschaft liegt in der Mitgliederwerbung. Die Genossenschaft muss in kurzer Zeit viele Mitglieder werben, damit sie in eine starke Verhandlungsposition kommt. Hier gilt es Folgendes zu beachten.

  • Die Einlage darf nicht zu hoch sein, damit Interessenten nicht abgeschreckt werden und die Einstiegshürde klein ist.
  • Man muss Verbündete innerhalb der Genossenschaftsbewegung suchen, über die man schnell an viele neue Mitglieder kommt; konkret andere Genossenschaften, die ihren Mitgliedern den Eintritt in die Bürgerticket-Genossenschaft empfehlen. Hier kommen zum Beispiel die Wohnungsgenossenschaften in den Sinn.
  • Man muss territoriale Entscheidungen treffen. Für welchen Raum soll sich die Genossenschaft zuständig fühlen? Für eine Stadt, für einen Großraum passend zum Verkehrsverbund, für ein Bundesland oder für ganz Deutschland?
  • Man muss die Kosten für die Mitgliederwerbung einkalkulieren.

Literatur

Allgemeiner Studierendenausschuss. In: Wikipedia. 2014. Internet: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Allgemeiner_Studierendenausschuss&oldid=131243746. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Bayer, Oliver: Piraten: Alternative kostenloser Nahverkehr ? Ruhrbarone. 2013. Internet: http://www.ruhrbarone.de/piraten-alternative-kostenloser-nahverkehr. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Bündnis Unsere Stadtwerke Wuppertal. 2013. Internet: http://www.unsere-wsw.de/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Bürgerticket. In: Facebook. 2013. Internet: https://www.facebook.com/Buergerticket. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Die ÖPNV-Flatrate – Osnabrück in Bewegung Osnabrücker Klimaallianz (O.K.). 2013. Internet: http://www.osnabruecker-klimaallianz.de/oepnv-flatrate/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Semesterticket. In: Wikipedia. 2014. Internet: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Semesterticket&oldid=134057581. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Fußnoten


  1. Bürgerticket. In: Facebook. 2013. Internet: https://www.facebook.com/Buergerticket. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]
  2. Bündnis Unsere Stadtwerke Wuppertal. 2013. Internet: http://www.unsere-wsw.de/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]
  3. Die ÖPNV-Flatrate – Osnabrück in Bewegung Osnabrücker Klimaallianz (O.K.). 2013. Internet: http://www.osnabruecker-klimaallianz.de/oepnv-flatrate/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]
  4. Bayer, Oliver: Piraten: Alternative kostenloser Nahverkehr ? Ruhrbarone. 2013. Internet: http://www.ruhrbarone.de/piraten-alternative-kostenloser-nahverkehr. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]
  5. Semesterticket. In: Wikipedia. 2014. Internet: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Semesterticket&oldid=134057581. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]
  6. Allgemeiner Studierendenausschuss. In: Wikipedia. 2014. Internet: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Allgemeiner_Studierendenausschuss&oldid=131243746. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

    [return]