Haider, Stoiber, Sloterdijk

Anfang dieser Woche bekam ich eine E-Mail aus Österreich. Ein Leser des Sudelbuchs brachte darin seine Sorge zum Ausdruck, dass ich nun ja sicherlich etwas über den Rechtsruck in Österreich schreiben würde. Nur solle ich vor dem Sudeln erst einmal lesen, was ein Freund von ihm an einen Holländer zu diesem Thema geschrieben habe. Um es kurz zu machen: Besagter Leser wollte mir durch die Blume einer zitierten E-Mail deutlich machen, dass viele Österreicher auch ohne Sudelbuch schon mit gesenktem Kopf einhergingen und dass, wenn man alles zusammenaddieren würde, ja rund 80 Prozent aller Österreicher nicht für Haiders Partei gestimmt hätten.

Eigentlich wollte ich auch tatsächlich gleich am Montag meine Feder besonders spitz zuschneiden und in das Lamento der europäischen und internationalen Presse über den Wahlerfolg Haiders einfallen. Doch dann kam mir immer wieder etwas dazwischen.

Mittlerweile bin ich froh, die nationale Ehre Österreichs nicht besudelt zu haben, denn Jörg Haider ist im Vergleich zu anderen Politikern auf dem Balkan fast schon ein zivilisierter Mensch. Zwar befürwortet auch Haider ethnische Säuberungen, aber seine Methoden werden mit Sicherheit nicht die von Slobodan Milosevic sein. Österreich, da bin ich mir sicher, wird uns ganz bestimmt ein leuchtendes Beispiel für eine humane Fremdenfeindlichkeit geben. Statt Vertreibung, Mord und Vergewaltigung wird der Operetten-Hitler Ausweisungen im Dreivierteltakt dirigieren, damit Wiener Blut Wiener Blut bleibt! Das ist doch im Vergleich zum restlichen Balkan schon ein gewaltiger Fortschritt!

Edmund Stoiber hat dies natürlich viel früher als andere erkannt und nutzt die Gunst der Stunde, um in seinem Hinterhof für Ordnung zu sorgen. Warum sich aber Stoiber plötzlich als postmoderner von Papen betätigt, ist mir erst heute so recht klar geworden. Haider ist nicht nur gegen Ausländer im Allgemeinen, sondern auch gegen Europa im Besonderen. Und da sich Stoiber nicht nur seit jeher fragt, wozu ein Freistaat Bayern noch gut sein soll, wenn die Nationalstaaten irgendwann einmal als Bundesländer in den Vereinigten Staaten von Europa aufgehen, sondern zu dieser Frage auch die einzig richtige Antwort gefunden hat, sieht er in Haider auch den Retter für seine persönliche Reichsunmittelbarkeit.

Stoiber möchte nämlich nicht als Direktor eines Trachtenschutzgebietes in Pension gehen, sondern – und sei es aus der Staatskanzlei in München heraus – die Weltgeschicke lenken. Folglich stellt er Haiders Truppe eine moralische Feldherrenhalle zur Verfügung, damit er selbst in Ruhe seinen Marsch auf Berlin beginnen kann. Und sollte er widrigenfalls schon in Bayreuth wieder umkehren müssen, bliebe ihm dank Haiders Europablockade wenigstens noch die Landesvaterschaft eines Freistaats.

Nun kann einem als politischer Asthmatiker vor so viel milbenverseuchtem Muff schon angst und bange werden. Überall wirbeln die Rechten heutzutage den Staub des Jahrhunderts auf. Sogar Philosophen finden sich im Salon der hypermodernen Ewiggestrigen ein und spielen für die Mächtigen den possierlichen Narren. Wie weiland Nietzsches Schwester ihren Bruder den Nazis andienerte, so sorgt sich heute Sloterdijk um seine Auflagen in Haiders und Stoibers Reich. Heute gab er der fröhlichen Rechten in einem Interview mal wieder ein besonders schmackhaftes Löffelchen aus seinem Wörterbrei zu kosten: »Auf Grund gemachter Erfahrungen habe ich immer weniger übrig für diese ewige, ungezogene, hypermoralische Linke.«

Da kann man nur hoffen, dass die Rechte der Herren Haider, Stoiber und Sloterdijk genau das Gegenteil dieser viel geschmähten Linken wird: versaut, kreuzbrav und – vor allem – schnell wieder vorbei. – Solingen 6. Oktober 1999

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