Der 7. Ronsdorfer Literaturtag

Gestern hatte ich meine erste Lesung: in Ronsdorf, in der Ronsdorfer Bücherstube und zwar völlig unvirtuell. Das brachte auch gleich so seine Schwierigkeiten mit sich. Ich musste nämlich in personam anwesend sein. Das wäre normalerweise nicht übermäßig schwierig gewesen, gibt es doch eine direkte Zugverbindung von Ohligs nach Ronsdorf über die Müngstener Brücke. Aber genau dort lag das Problem. In Solingen feiert man nämlich gerade den 101. Geburtstag der Müngstener Brücke. Beim 100. im letzten Jahr wurden so viele Currywürste verkauft, dass man die Brücke jetzt jedes Jahr feiern will. Diese Brückenfeierlichkeiten sind aber immer mit dem plötzlichen Auftauchen archaischer Stahlrösser verbunden, die Rauch und Dampf spuckend zur großen Freude von Kindern und Eisenbahnfanatikern, von Solingen-Ohligs über Remscheid, Wuppertal und über Vohwinkel wieder zurück nach Ohligs den ganzen Tag im Kreis herumfahren, ächzen und stöhnen und wie wild geworden pfeifen.

Eines dieser Stahlrösser, die legendäre preußische Dampflok 38 2267, verursachte nun auf der Strecke Ohligs–Wuppertal–Ronsdorf eine halbe Stunde Verspätung, so dass wir bei Sturm und Regen erst eintrafen, als die Lesung schon begonnen hatte.

Wir platzten also mit Windstoß und Regentropfen mitten in die Lesung der Lokalmatadorin Hanna Monhof, die Handgeschriebenes aus einer Kladde vortrug. Die Bücherstube war rappelvoll. Wir fanden gerade noch einen Stuhl und erfuhren von Frau Monhof, wer nach dem Krieg ein verstimmtes Klavier auf den Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Ronsdorfer Marktplatz gewuchtet hatte.

Im Anschluss daran berichtete Gerda Engelhard über ihre Tibetreise: über hohe Berge, eiskalte Hotelzimmer und 108 buttergespeiste Lichter in zahllosen Tempeln. Gottseidank gab es dann eine Pause, denn mein Mund war mittlerweile so trocken geworden, dass ich kaum über den dritten Satz in der ›Reise nach Jerusalem‹ hinausgekommen wäre.

Nach der Pause plauderte Christian Oelemann, der Organisator der Ronsdorfer Literaturtage, mit mir übers Internet und das Sudelbuch und dann las ich eben einen Ausschnitt aus ›der Reise‹ vor.

Nach der Lesung und einer kurzen Diskussion wurden die Einnahmen des Abends gleich wieder auf den Kopf gehauen. Christian lud Autoren und Gäste ins ›Bergische Haus‹ ein. Und rund 20 Personen folgten der Aufforderung, den trockenen Worten trinkfeste Taten folgen zu lassen und saßen noch ein paar Stündchen beisammen.

Die Provinz lebt, kann man da nur sagen. Christian sagte mir hinterher, dass 75 Gäste zum 7. Ronsdorfer Literaturtag gekommen waren. Und er betonte, nicht ohne berechtigten Stolz, dass zu einer Lesung von Siegfried Lenz vor einigen Wochen in Wuppertal gerade mal knapp 30 Leute erschienen waren. – Solingen 25. Oktober 1998

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