So kommt jeder auf seine Klicks

80 % aller Insekten verschwunden

Vor einigen Tagen hieß es plötzlich in allen Medien, dass 80 % aller Insekten verschwunden seien. Der Medienhype rief natürlich sofort einen Medienkritiker auf den Plan, denn auch diese Spezies lebt von Klickzahlen, der allein selig machenden Währung in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Für den Medienkritiker war der Hype eine geschickte Co-Inszenierung der Grünen und der Umweltministerin Hendricks, die den Grünen und der dämlichen Presse die Stichworte (Fliegenfreie Frontscheibe) quasi auf dem Silbertablett serviert habe. Alle Medien seien den Grünen und der SPD-Ministerin auf den Leim gegangen. Niemand habe die Zahlen nachgeprüft. Der Medienkritiker findet den Beleg für die erschreckend hohe Zahl natürlich sofort, wenn auch nur durch mediale Vermittlung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Zahl komme angeblich vom Entomologischen Verein Krefeld e.V. 1905. Dieser Verein, der seit Jahrzehnten den Insektenbestand zwischen Kleve und Koblenz dokumentiert, habe im Krefelder Naturschutzgebiet ›Orbroicher Bruch‹ über einen Zeitraum von 35 Jahren einen Rückgang der Insekten von 80 % ermittelt. Die Entomologen vom Niederrhein bezeichnet der Medienkritiker gönnerhaft als Hobbyforscher und nimmt damit völlig unkritisch die Wortwahl der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf. Seinen Artikel, in dem es hauptsächlich um das verschwörerische Zusammenspiel von Grünen und der ›geneigten Ministerin‹ Hendricks (SPD) geht, schließt er mit zwei lapidaren Absätzen zur Sache.

»Nochmal: Das Anliegen der Entomologen und aller Umweltschützer ist berechtigt. Wenn es eindeutige Indizien dafür gibt, dass Insektenarten in Deutschland in breitem Umfang aussterben, muss dem nachgegangen werden – und zwar bundesweit mit wissenschaftlich fundierten, nachvollziehbaren und damit glaubwürdigen Methoden.

Die Ergebnisse von Hobbyforschern aus zwei Messpunkten in einem Krefelder Naturschutzgebiet zu einem deutschlandweiten Massensterben der Insekten aufzublasen, ist dagegen unseriös bis skandalös. Das schadet nicht nur der Sache, sondern vor allem der Glaubwürdigkeit aller Beteiligten.«

So ähnlich argumentieren auch gerne diejenigen, die den Klimawandel leugnen. Zahlen werden in Zweifel gezogen, Erkenntnisse diskreditiert (Hobbyforscher!) oder relativiert (zu wenig Messpunkte! zu ungenaue Modelle!).

Was lernen wir aus der Sache? Journalisten sind Herdentiere aus der Unterordnung der Ruminantia. Medienkritiker wissen auch auf ihre Klickzahlen zu kommen. Und Entomologen hört in der Regel niemand zu.

Wer Letzteres dennoch tun möchte, kann das Paper der Hobbyforscher lesen. Wem das nicht genügt, kann den Links folgen, die Dr. Daniel Lingenhöhl in Spektrum.de gesammelt hat.

Übrigens, der Medienkritiker, von dem hier die ganze Zeit die Rede war, ist kein Wissenschaftler, sondern PR-Berater und FDP-Politiker, was dankenswerterweise in meedia.de offenbart wird – aber auch nie jemanden interessierte.

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