…dass dann alles anders werden müsste

Joseph Beuys erzählte, dass er mit fünf Jahren das Gefühl gehabt hätte, von der Erde abtreten zu müssen. »Ich wollte von der Erde verschwinden«, soll er gesagt haben. 1980 fragt ihn Hermann Schreiber in einem Gespräch in der Sendereihe ›Lebensläufe‹, ob er heute für dieses Schlüsselerlebnis eine andere Erklärung habe, als die, die er einmal selbst gegeben habe, dass er vielleicht ein wenig abnorm gewesen sei:

Beuys: »Ja das muss dann ja wohl so gewesen sein im Verhältnis zu anderen, die dann weitergespielt haben. Und ich in dem Moment also doch dieses Erlebnis hatte, dass ich eigentlich alles gesehen hätte von der Welt.
Schreiber: »Mit 5 Jahren?«
Beuys: Ja, das war ein Erlebnis, was ich mit fünf Jahren hatte. Dass also jetzt die Zeit wohl lange genug wäre und ich jetzt abtreten müsste. Dies Erlebnis habe ich ganz stark gehabt. Und es war natürlich sicherlich nicht nur ein Krisenerlebnis, sondern auch ein Bewusstwerden in gewisser Weise, ein Bewusstwerden, dass, wenn es nun weitergehen müsste dieses Leben, dass dann alles anders werden müsste.«1

Ob es sich hierbei um eine historische Wahrheit handelt oder, wie im Fall der Tatarengeschichte, um eine autopoietische, lässt sich wohl nicht mehr entscheiden. Aber jeder, der zur Introspektion fähig ist, wird in seinem Leben ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wenn auch nicht unbedingt mit fünf Jahren.

Schreiber bringt dieses Erlebnis im weiteren Gespräch mit der großen persönlichen Krise in Zusammenhang, die Beuys Mitte der 50er Jahre durchlebte. 1955 fiel der 34-jährige Beuys in eine tiefe Depression. Er zog sich auf den Bauernhof seiner Freunde, der Gebrüder van der Grinten, zurück, wo er auf dem Feld arbeitete, aber auch Tage lang nicht aus seinem Zimmer herauskam. Die Heilung von dieser zwei Jahre anhaltenden Depression ist ein weiteres autopoietisches Element in der Vita von Beuys, das vielfach beschrieben wurde.2

Nach einer Beuys dann zunächst irritierenden Frage nimmt das Gespräch eine interessante Wendung. Beuys kommt auf den Prozess der Selbstheilung zu sprechen, in dem der Wille eine entscheidende Rolle spielt.

Schreiber: »Mögen Sie sich? Fühlen Sie sich wohl mit sich selber?
Beuys: Nicht immer. Durchaus nicht immer.
Schreiber: Und was machen Sie, wenn Sie es nicht tun?
Beuys: Wenn ich es nicht tue, muss ich sehen, dass ein Wille in Bewegung kommt, dass eine Wirklichkeit neu entsteht, nur aufgrund des Willens im Denken, also die gar keine Rücksicht nimmt auf meinen biologischen Bestand, sondern die rein im Geistigen wirkt. Und dann erlebe ich auch, dass nur das eine Wirklichkeit ist, nur das, und dass man auf dieser Wirklichkeit alle weiteren Wirklichkeiten aufbauen kann und dass, wenn man sie darauf aufbauen würde, die Welt ganz anders aussehen würde und das Negative, was in ihr wirkt, auf diesem Wege heilen könnte.«3

Fügt man beides zusammen, die Erkenntnis, dass alles anders werden müsse und den in Bewegung gebrachten Willen, eine neue Wirklichkeit zu denken, so ersteht vor unserem geistigen Auge das Phänomen der Wandlung, der Entwicklung, der Umkehr. Die Erkenntnis allein, die uns mit großer Wucht überfallen kann, ist nur die eine Seite des Entwicklungsprozesses. Nach dieser krisenhaften Bewusstwerdung muss ein Wille in Bewegung kommen, der eine neue, rein geistige Wirklichkeit als Fundament aller anderen Wirklichkeiten schafft. Ansonsten kommt es nach der Krise nicht zur Heilung, sondern zur Aufgabe, zur Erstarrung, zum geistigen Sterben. Der Wille schafft die neue, rein geistige Wirklichkeit, in der wir uns als Gestalter unseres eigenen Lebens wieder frei bewegen können.

Dass alles anders werden muss – diese Erfahrung machen viele Menschen. Wir erleben dieses Bewusstwerden sehr viel häufiger als wir zuzugeben bereit sind. Denn im gleichen Atemzug müssten wir bekennen, dass es uns zumeist nicht gelingt, den Willen in Bewegung zu setzen und eine neue, andere Wirklichkeit zu schaffen. Die Kompromisse des Alltags, die täglichen Niederlagen, das stets erwartete und pünktlich eintreffende Déjà vu – die Umschreibungen für dieses willenlose Hinnehmen des Inakzeptablen sind vielfältig. Und ebenso zahlreich sind die Namen, die wir diesem Zustand geben: persönliche Krise, künstlerische Krise, Burn-out, Depression.

Wenn aber dem Einzelnen so häufig der Wille zur Veränderung fehlt, dann fehlt er gewiss der Gesellschaft als Ganzes. Auch Gesellschaften können in eine Depression verfallen, aus der sie nur mit äußerer Hilfe herausfinden. Sie verlieren ihre kreative Kraft, passen sich an, ziehen sich zurück, schotten sich ab. Und ja, die unsrige ist ganz gewiss eine depressive Gesellschaft, die keine Kraft mehr hat, sich selbst neu zu erfinden. Dabei wäre heute Umkehr notwendiger denn je. Wir sind als Menschheit an einem Punkt angelangt, an dem wir so klar wie nie zuvor erkennen, dass es nun genug ist, dass wir von diesem Planeten verschwinden könnten, dass, wenn es mit dieser Menschheit weitergehen soll, alles anders werden müsste: die Ausbeutung der Natur, der Tiere und des Menschen, die ungezählten Kriege, die sinnlose Gewalt, die materielle und geistige Versklavung der Menschheit zugunsten einer kleinen Clique von Superreichen, die Lügen in den Medien und ihre Geistlosigkeit, die Verwanzung der Welt durch Überwachungsapparate – alles müsste anders werden. Doch der Wille im Denken, der keine Rücksicht auf unseren biologischen Bestand nimmt und nur im Geistigen wirkt – der fehlt.

In Einzelnen dagegen vermag ein Schlüsselerlebnis noch den Willen zu einer außerordentlichen Tat in Bewegung zu setzen: in Chelsea Manning, in Malala Yousafzai, in Edward Snowden, um nur drei Namen zu nennen. Wir, die anderen, sind zu Beobachtern geworden, die Schicksale wie Schauspiele rezipieren. Wir sind Zuschauer eines Lebens geworden, das wir nicht leben, weil wir keine Umkehr vollziehen, sondern ihr bloß zuschauen. Die Umkehrenden sind so entrückt wie tragische Heroen. Und es ist bemerkenswert, wie groß der Unterschied in der Fallhöhe ist, selbst zwischen Edward Snowden und Glenn Greenwald, die doch für uns zusammen auf der gleichen Bühne stehen. Man spürt das in dem Film ›CitizenFour‹. Während Greenwald und Poitras nach den Enthüllungen von Snowden in ihr altes Leben als kritische Journalisten, Filmemacher und Aktivisten zurückkehren, gibt es für Snowden kein Zurück mehr. Er bleibt in Russland zurück. Für Chelsea Manning und Malala Yousafzai gilt das Gleiche. Ihre Wandlung ist noch viel drastischer. Manning verwandelte sich in einem US-Geheimgefängnis in eine Frau und Malala Yousafzei ist, nachdem sie fast getötet wurde, quasi von den Toten wieder auferstanden. Sie alle mussten, wie Pier Paolo Pasolini es einmal ausdrückte, ihre Körper in den Kampf werfen. Exil, Gefangenschaft, Tod und Wiederauferstehung – das Extreme und Gewalttätige versetzt die Protagonisten dieses Schauspiels in eine theatralische Ferne.

Der Unterschied in der Fallhöhe ist jedoch kein Unterschied im Wesen. Jede wirkliche Wandlung bedeutet Exil, Gefangenschaft oder Todeserfahrung, aber eben auch, wie Beuys es schildert, Befreiung, Kraft und Kreativität. So übermenschlich uns die Taten von Manning, Yousafzai und Snowden auch immer erscheinen mögen, sie unterscheiden sich nicht wesentlich von den ganz kleinen und scheinbar unbedeutenden Willensbewegungen, die wir selbst ausführen. Wer beim Essen plötzlich zu der Erkenntnis gelangt, dass nun genug Tiere geopfert seien, und den Willen aufbringt, fortan Vegetarier zu sein, der begibt sich in ein Exil und fühlt plötzlich die Fesseln einer Welt, in der diese Lebensweise immer noch nicht die Norm ist. Doch gleichzeitig befreit er sich von einer alten Last und schöpft neue Kraft. Das Gleiche erfährt der Konvertit, der von heute auf morgen beschließt, nur noch nach den Weisungen des Korans zu leben.

Der Whistleblower, der Vegetarier, der Islamist – drei Verwandlungen von vielen, die alle nach dem von Beuys beschriebenen Muster ablaufen: Erkenntnis und Wille, Krise und Heilung. Dies gilt es festzuhalten, auch wenn sich alles in uns sträubt, den Islamismus als Heilung zu betrachten. Doch wie unterscheiden wir die Heilung von der Scheinheilung? Wir ächten und verehren den Whistleblower wie den Islamisten, wir bewundern und missachten den Vegetarier, je nach Herkunft und geistiger Konstitution.

In einer kranken Welt von Heilung zu sprechen, ist überhaupt zutiefst problematisch. Mir fiele es leichter, den Begriff der Wandlung zu benutzen. Doch Beuys sprach explizit von Heilung, und zwar nicht nur von individueller Heilung, sondern von der Heilung der Welt. Es wäre einfach, diesen Gedanken als utopisches Konstrukt, als Fluchtpunkt zu definieren, den man per se nicht erreichen kann. Doch dies wäre nichts anderes als ein intellektuelles Ausweichen. – Wie finden wir aus dieser Schwierigkeit wieder heraus?

Jede Wandlung ist nicht nur die Überwindung einer Krise, sondern auch ihr Ausdruck. Dass Snowden seine Integrität und seine geistige Freiheit nur im Exil wiedergewinnen kann, dass Manning für seine Wandlung eingesperrt und Yousafzai beinahe getötet wurde, ist ebenso ein Signum unserer Zeit wie die Tatsache, dass sich einige Menschen in religiöse Fundamentalisten verwandeln. Die Welt, in der wir leben, bestimmt die Rahmenbedingungen und prägt die individuellen Krisen und die individuellen Wandlungen. Wenn man die Wandlung als Versuch sieht, die Ursache der Krise zu überwinden, so muss sie langfristig gesehen immer scheitern. Die Krise bleibt, es ist der Umkehrende, der Gewandelte, der sich verändert hat. Die Wandlung muss als Versuch verstanden werden, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Das kann aber nie ganz gelingen, da die Ursachen für die Krise nicht beseitigt werden und sie uns daher immer wieder einholt. Nur durch eine erneute Umkehr können wir der Krise wieder entkommen. Das Krisenerlebnis wird zu einer permanenten Erfahrung und in der Wiederholung der Wandlung fällt die Dystopie mit der oben abgelehnten Utopie zusammen. Ob aber eine Gesellschaft so, wie Beuys es andeutet, mit sich selbst ins Reine kommen kann, ist eine schwierige Frage, zumal wir im Schauspiel, dem ins Allgemeine gewendetem persönlichen Drama, die Wandlung lediglich ästhetisch vollziehen. Manning, Snowden und Yousafzai opfern sich für uns, so dass wir uns nicht mehr opfern müssen.

In der großen Frage kommen wir nicht weiter. Kehren wir zurück in die Beschaulichkeit der kleinen Wandlungen. In den letzten Monaten war ich damit beschäftigt, die Texte aus 16 Jahren Sudelbuch für eine Buchausgabe zu redigieren. Während dieser Arbeit hatte ich immer wieder das Gefühl, dass alles anderes werden müsse, wenn es denn mit diesem Sudelbuch weitergehen solle. Seit 1998 habe ich Jahr für Jahr in unregelmäßigen Abständen mal mehr, mal weniger Texte auf der Website www.sudelbuch.de veröffentlicht. Das ist lang genug und das Sudelbuch könnte nun von der Erde verschwinden. Wenn ich aber damit weitermachen soll, dann muss alles ganz anders werden.

Die Frage ist nur: Was muss anders werden? Natürlich an erster Stelle die Texte. Die Art, wie ich schreibe. Aber auch die Art, wie die Texte gelesen werden, obwohl ich darauf den geringsten Einfluss habe. Das Sudelbuch war die Antwort auf eine Frage der 90er Jahre. Vor 16 Jahren gab es nur wenige Websites, die satirische und essayistische Texte veröffentlichten, es gab keine Blogs, kein Facebook, kein Twitter. Das Sudelbuch war ein Anfang, etwas Neues. Heute bloggen Hunderttausende und alles, was man satirisch aufs Korn nehmen könnte, wird auf Twitter, Facebook und ungezählten Blogs in Echtzeit durchgekaut. Kaum kam heraus, dass die CSU Zuwanderern vorschreiben wollten, auch zu Hause in der Familie Deutsch zu sprechen, da wurde dieses Verhängnis von Partei in den sozialen Medien auch schon mit Spott und Hohn überschüttet. Vor ein paar Jahren wäre mir ein solcher Leitantrag ein willkommener Anlass für eine Sudelei gewesen, heute ist mir ein Tweet schon genug. Jeder ist heute sein eigener Haus-Satiriker, wozu braucht es da noch jemanden auf der Straße?

Ich habe das Gefühl, dass eine Website nicht mehr der geeignete Weg ist, um sich zu Wort zu melden. Zu viele HTML-Seiten ringen um die Aufmerksamkeit der Browser-Bedienenden. Der Browser ist nicht mehr das Lesegerät der 90er Jahre, mit dem man mühelos Texte im Internet rezipieren konnte. Er übernimmt heute sehr viel mehr Aufgaben als früher. Er ist zu dem universalen Interface des vernetzten Meta-Betriebssystems mit Namen Internet geworden. Allein der Social-Media-Stream durchströmt den Browser heute in einer Geschwindigkeit, die keinem Text gut tut und jede widerständige Information mit sich fortreißt. Das Browser-Internet rauscht und übertönt jedes Signal. Selbst unsere Anstrengung, ein Signal aus dem Rauschen herauszufiltern, erzeugt vor allem eins: weiteres Rauschen.

Das Sudelbuch wird deshalb zwar nicht von dieser Welt, aber aus dem Browser verschwinden und ab 2015 in anderer Form erhältlich sein.

Literatur

Ermen, Reinhard: Joseph Beuys. Orig.-Ausg. Reinbek bei Hamburg 2007.

Joseph Beuys - Interview („Lebensläufe“). 2013. Internet: https://www.youtube.com/watch?v=n2rU1RQWruk&feature=youtube_gdata_player. Zuletzt geprüft am: 5.12.2014.

Stachelhaus, Heiner: Joseph Beuys. Ungekürzte. Berlin 2006.

Fußnoten


  1. Joseph Beuys - Interview („Lebensläufe“). 2013. Internet: https://www.youtube.com/watch?v=n2rU1RQWruk&feature=youtube_gdata_player. Zuletzt geprüft am: 5.12.2014.

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  2. Vgl. Stachelhaus, Heiner: Joseph Beuys. Ungekürzte. Berlin 2006; Ermen, Reinhard: Joseph Beuys. Orig.-Ausg. Reinbek bei Hamburg 2007.

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  3. Joseph Beuys - Interview („Lebensläufe“). [return]