Der Rausch des Seins

Eine Einsicht, die man besonders gerne und erfolgreich verdrängt, ist die, dass man sich selbst kein Ursprung ist, dass man nicht einmal Ursprung seines eigenen Tuns und seines eigenen Denkens ist. Wir sind immer schon ein Gewordensein, das in ein Gewordenes geworfen ist. Die Welt, in die wir als vermeintlicher Anfang hineingeboren werden, ist immer schon da, sie prägt uns, erhält uns und vernichtet uns.

Nichts verdanken wir uns selbst, alles haben wir von den Früheren übernommen, selbst die verquere Sucht Neues zu schaffen. Dabei verdrängen wir, dass wir auf ausgetretenen Pfaden wandeln, wenn wir neue Wege gehen wollen. Das, was wir Freiheit nennen, verstehen wir erst dann vollkommen, wenn wir ihrer Bedingung gewärtig sind. Dass wir vom Schreibtisch aufstehen und ein Glas Wasser trinken können, wenn wir es wollen, ist nur möglich im Rahmen und aufgrund unserer Geschichte. Generationen vor uns haben an der modernen Wasserversorgung arbeiten müssen, um uns diese Freiheit zu ermöglichen. Und sie konnten dies bloß, weil ihnen Generationen vorausgingen, die ihnen den Weg dazu geebnet haben. Uns allen stände daher etwas mehr Demut und die Erkenntnis gut zu Gesicht, dass wir immer nur Teil einer Kette sind, deren künftige Glieder uns ehren oder verfluchen werden – je nachdem, welche Welt wir ihnen hinterlassen.

Selten werden wir uns dieser Zusammenhänge im Alltag bewusst. Vielleicht wenn wir ein Flugzeug besteigen und unser Leben damit in die Hände ingenieurwissenschaftlicher Erkenntnisse geben, deren geschichtliche Entwicklung wir dunkel im Kopf haben. Doch bei einfachen Verrichtungen bleibt die Bedingtheit unserer Freiheit für uns zumeist im Dunkeln.

Im kreativen Prozess glauben wir uns sogar von allen Fesseln befreit; wir glauben in der Originalität des Schaffens unser Ich erst wahrhaft zu erleben. Dabei deutet doch bereits das Gefühl des Außer-sich-Seins im kreativen Akt darauf hin, dass wir unmöglich gleichzeitig ganz bei uns sein können. Oder ist dies gerade die Wahrheit des Bei-sich-Seins, des Freiseins? Bin ich nur dann ganz bei mir, wenn ich bei allen anderen bin, bei denen, die mit mir leben und die mir vorausgingen? In letzter Konsequenz muss so das Ich im immer schon Gewordenen, im räumlichen und zeitlichen All aufgehen. Und in diesem Aufgehen sind wir alle gleich.

Eins mit Allem zu sein, das ist das Ziel des Mystikers und der Masse. Der Philosoph muss sich damit begnügen, die Begriffe in ihrer dialektischen Lebendigkeit immer wieder neu zu denken. Der Künstler darf die Tiefe des Ozeans, auf dem er dahinsegelt, vergessen, der Kritiker wird sie ihm früh genug nachmessen. Nur sehr wenige Menschen aber erkennen, dass der ärgerliche Gedanke, dass unsere Freiheit auf Gewordenem beruht, uns auch zur Quelle werden kann, an der wir den Rausch des Seins genießen können.

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