Angetreten zur Barmherzigkeit!

Humboldt goes Africa! Wenn ein guter Zweck zur schulischen Zwangsveranstaltung verkommt.

Irgendwann im letzten Jahr erfuhren die Schüler und Eltern des Humboldtgymnasiums in Solingen, dass sie fortan ein Mali-Projekt unterstützen sollen. So hatte es die Schulkonferenz beschlossen. Die Initiative ging von ganz wenigen Elternvertretern in der Schulkonferenz aus, die sich schon lange kannten und den Direktor von dem Projekt vorher überzeugt hatten. Daher gab es auch keine großen Diskussionen. Die Entscheidung war bereits im Vorfeld gefallen. Wer traut sich schon einen guten Zweck in Frage zu stellen, mit dem er gerade erst konfrontiert wurde? Dass nach dem Beschluss der Schulkonferenz die übrigen Schüler und Eltern nicht mehr gefragt wurden, ist nichts Ungewöhnliches. Entscheidungen der Schulkonferenz werden vielleicht hinter vorgehaltener Hand bedauert, aber nicht in Frage gestellt. Und so war der Mali-Aktionstag dann beschlossene Sache. Am kommenden Wochenende heißt es: Angetreten zur Barmherzigkeit!

Ein dreisprachiger Flyer wurde gedruckt, um über das Projekt zu informieren. Darin heißt es: »Sévaré braucht eine christliche Grundschule und Förderung für das staatliche Gymnasium.« Dass ein Gymnasium gefördert werden muss, ist unmittelbar einsichtig. Das Humboldtgymnasium ist auch sehr bedürftig. Warum aber braucht Sévaré eine christliche Grundschule? Gibt es sonst keine Grundschule in der Stadt oder liegt es daran, dass 90 % der Einwohner Muslime und gerade einmal 2 % Christen sind? Soll also mit der christlichen Grundschule missioniert werden? Oder soll sie eine Heimstatt für unterdrückte christliche Schüler werden? Ist die Förderung des staatlichen (muslimischen?) Gymnasiums das Feigenblatt oder bekommt es die Hälfte der eingesammelten Gelder? Doch lassen wir die Ziele einmal beiseite, sie sind, wenn man die Geschichte des Projekts kennt, wohl aller Ehren wert, und wenden wir uns den Methoden zu.

Um also Geld für eine christliche Schule in Mali zu sammeln, mussten sich die Klassen im Humboldtgymnasium so genannte »Rekordversuche« ausdenken, auf deren Gelingen »Sponsoren« mit klingender Münze wetten sollen. Korbwürfe und Torwandschießen für den christlichen Glauben in Mali! Dabei ging man ganz selbstverständlich davon aus, dass alle Klassen mitmachen. Von Freiwilligkeit keine Spur.

Parallel zu den Vorbereitungen in der Schule, werden die Eltern der Schüler seit Monaten mit Handzetteln bombardiert, in denen sie dazu aufgerufen werden, ihren Teil zum Gelingen des Projekts beizutragen, also die obligatorischen Kuchenplatten bereitzustellen, reiche Sponsoren zu finden und – natürlich – selbst zu spenden. Das liest sich dann so:

»Die Schüler des Humboldtgymnasiums wollen durch einen Aktionstag für das Projekt Spenden sammeln. Jede Klasse bzw. Arbeitsgruppe wird an diesem Tag einen Rekordversuch starten – sei es das längste Bild zu malen, oder einen Ball eine Stunde lang mit den Füssen in der Luft zu halten. Die Besucher an dem Tag sind dazu eingeladen auf die Aktionen mit Geld zu wetten – je höher der Rekord, desto mehr Geld für Mali! 1.200 Aktive und bis zu 2.000 erwartete Besucher machen den Aktionstag zu einem Solinger Großereignis, bei dem auch Radio und Fernsehen dabei sein werden.«

Großereignis! Eine Nummer kleiner ging’s wohl nicht! An gesundem Selbstbewusstsein mangelt es der Initiative jedenfalls nicht. Eher an Rechtschreibkenntnissen. Ob das mit den »Füssen« klappt, muss bezweifelt werden. Die Hervorhebungen sind von mir. Sie sollen zeigen, wie hier mit propagandistischer Verklärung sanfter gruppendynamischer Druck ausgeübt wird. Die 1.200 Aktiven, mit denen das Projekt wirbt, sind ja nicht zufällig identisch mit der Schülerschaft. Da stellt sich die Frage: Wollen die Schüler wirklich, oder sollen sie wollen? Egal! Wenn jede Klasse sich die Planerfüllung auf die Fahne geschrieben hat, wer wollte da noch opponieren?

Da entwickelt sich dann die typische Dynamik schulischer Veranstaltungen. Die Kinder werden von ihren Klassenlehrern so lange bedrängt, sich etwas auszudenken, Sponsoren zu finden und ihre Eltern zu fragen, was sie denn nun spenden wollen, bis schließlich jede Klasse um des lieben Friedens willen sich etwas ausdenkt und die Eltern endlich, schon um Schaden von ihrem Kind fernzuhalten, sich breitschlagen lassen und ihr Scherflein beitragen. Der gute alte Gruppenzwang ist immer noch das wirkungsvollste Erfolgsrezept für Projekte, die man sich nicht selbst ausgesucht hat.

Mittlerweile gibt es für das Projekt einen Verein, der Ende Mai 2008 gegründet wurde und für die Weiterleitung der Gelder verantwortlich zeichnet. Wenn man liest, was der Verein erreichen will und was einer der Initiatoren des Projekts vor Ort schon erreicht hat, so hört sich das alles sehr schön an. Aber Helfen ist nicht einfach. Afrika ist ein Opfer der westlichen Entwicklungshilfe. Ob dieses Projekt das Elend zementiert oder behebt, wird man vielleicht erst in einigen Jahren beurteilen können. Die Organisatoren sind jedenfalls davon überzeugt, das Richtige zu tun. Und sie haben gute Gründe dafür, denn die Hilfe kommt nicht korrupten Staatschefs mit ihren gigantischen Kabinetten zugute, sondern zwei Schulen, einer christlichen sechsjährigen Grundschule und einem staatlichen Gymnasium. Bildung, so sollte man meinen, schadet nicht. Doch wenn man liest, dass selbst die Hilfe vor dem Hungertod, die doch kein mitfühlender Mensch in Frage stellen würde, langfristig eine eigenständige Entwicklung verhindern kann, wird man vorsichtig.

Wer sich an der christlichen Mission nicht stört, kann das Projekt sicher ohne Bedenken unterstützen. Hoffen wir, dass in der christlichen Grundschule nicht der Kreationismus ganz oben auf dem Lehrplan stehen wird. Im Gymnasium geht es um ganz handfeste Dinge. Es soll eine Kantine bekommen. Dagegen lässt sich nichts sagen. Diesen Mangel können die Humboldtschüler nachfühlen. Denn auch in der geistigen Sahelzone Solingen gibt es im Humboldtgymnasium keine Kantine. Auch bei uns geht es mit knurrendem Magen in die siebte und achte Stunde – oder in der Pause verbotenerweise zur gesunden Pizzeria nebenan. Und schließlich soll im Gymnasium in Sévaré ein Internetzugang eingerichtet werden – und das Internet ist bekanntlich das Tor zu einer besseren Welt. Ob die Gymnasiasten in Mali dann Spiele und schlüpfrige Bilder herunterladen oder kritische Texte über die Globalisierung goutieren und sich weiterbilden, das ist dann ihnen überlassen.

So sympathisch uns auch teilweise die Ziele des Projekts erscheinen, dem Projekt fehlt leider das, was wirkliche Hilfe ausmacht: die Freiwilligkeit. Es ist das Projekt einer kleinen Gruppe, ein Schulprojekt, eine schulische Veranstaltung mit Zwangscharakter. Das ist schade. Der Verein und die Schule werden deshalb in Zukunft vor allem die Aufgabe haben, das Mali-Projekt, das langfristig angelegt werden soll, zu einem wirklichen, freiwilligen Gemeinschaftsprojekt zu machen.

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