Reiz- und konsumarme Umgebung

Wenn das die Zaren und Rotarmisten noch erlebt hätten! Die Verbannung nach Sibirien wird zum Exportschlager. Und Sibirien hat endlich ein werbeträchtiges Image und wird zu einer reiz- und konsumarmen Umgebung. Ein hessisches Gericht hat einen Jugendlichen nach Sibirien verbannt. Für neun Monate.

Alle russischen Schriftsteller von Weltgeltung haben bekanntlich ihr halbes Leben in Sibirien verbracht. Ohne Sibirien kein Dostojewski, kein Solschenizyn. Um die deutsche Literatur zu fördern, hat ein hessisches Gericht nun einen Jugendlichen zu neun Monaten Verbannung in Sibirien verurteilt. Einziger Kamerad in der Einsamkeit von Taiga und Tundra ist ein kälteresistenter Erzieher. Man wolle den Jugendlichen in einer reiz- und konsumarmen Umgebung mit Hilfe dieser erlebnispädagogischen Maßnahme wieder auf den rechten Weg bringen. Die Zaren und Rotarmisten würden sicherlich Bauklötze staunen, wenn sie davon hörten, dass deutsche Beamte eine Verbannung nach Sibirien als Wellness-Erlebnis-Urlaub in reiz- und konsumarmem Klima anpreisen. Dabei haben Euphemismen in Deutschland eine lange Tradition: Arbeit macht frei. Jedem das Seine. An diese Erziehungsparolen reicht man zwar noch nicht heran, aber eine gewisse sprachliche Tradition lässt sich nicht leugnen.

Interessant ist jedoch, dass Richter und Pädagogen sich in einer Hinsicht wohl einig sind. Die Reizüberflutung durch Fernsehen, Internet und Computerspiele und der Konsumterror sind Schuld daran, dass Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. Weder der ethnische Hintergrund, noch der soziale sind Schuld, sondern schlicht und einfach Wohlstand und Medien. Und um Jugendliche vor diesem Sumpf zu schützen, muss man sie schon ganz weit fort bringen.

Noch wirkungsvoller wäre es jedoch, das Privatfernsehen nach Sibirien zu verbannen und es nie wieder herauszuholen.

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