Solidarność 2007

Wenn die Unternehmensleitung, die Gewerkschaft und der Staat Seit’ an Seit’ stehen, um Arbeiter vom Streiken abzuhalten, dann befinden wir uns nicht im real existierenden Sozialismus in Polen im Jahre 1980, sondern im Deutschland des Jahres 2007, wo eine kleine Gewerkschaft das macht, was die staatstragende Gewerkschaft nicht mehr macht: Arbeiterinteressen zu vertreten.

Selten waren sich die Diätenbezieher aus der SPD so einig mit Vorstandsvorsitzenden wie momentan im Kampf der Gewerkschaft der Lokführer um mehr Geld und Einfluss. Wenn ein Sozialdemokrat in diesen Tagen den Mund aufmacht, glaubt man einen neoliberalen Gewerkschaftshasser vom rechten Flügel der CDU zu hören oder einen Freidemokraten, doch niemals einen in der Wolle der Arbeiterbewegung gefärbten Linken.

Und die Christdemokraten ihrerseits werfen sich plötzlich für den Flächentarifvertrag ins Zeug, den sie ansonsten wie die Pest bekämpfen. Verkehrte Welt?

Nein, denn hört man genauer hin, so vernimmt man überall den Jargon der Politbüros aus dem real existierenden Sozialismus, in dem die Gewerkschaften die gleiche Rolle hatten, wie unsere Einheitsgewerkschaften – die Arbeiter ruhig zu stellen, symbolisch ins Horn und anschließend gemeinsam mit Staat und Unternehmen mit Champagner anzustoßen.

Während in den USA, dem Mutterland der sozialen Kälte, sogar die Drehbuchautoren streiken, eine Gruppe, die in Deutschland nie auf die Idee käme, sich überhaupt zu organisieren, nimmt man es hier einer Gewerkschaft übel, das zu tun, was ihre verdammte Pflicht ist.

In einer Zeit, in der Betriebsräte auf Unternehmenskosten im Bordell ihre Arbeitnehmerinteressen ausleben, muss man einen Gewerkschaftschef wohl schon dafür bewundern, dass er mitten im Streik keine Lustreise, sondern eine Kur antritt.

Es ist übrigens sicher kein Zufall, dass die Nachfolgerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die ansonsten stets großmäulige Linke, sich in dieser Frage so still verhält. Man ist sich mit den anderen Parteien und der Einheitsgewerkschaft wohl einig: eine Gewerkschaft, die ohne Erlaubnis von oben streikt – das geht nicht!

Wie gut, dass wenigstens noch die Richter in Deutschland, das Streikrecht, das – man muss wohl annehmen fahrlässig und wohl mehr in symbolischer Absicht – in den Gesetzen verankert wurde, hochhalten und den Lokführern das Streiken nicht verbieten.

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