Zum ehemaligen Tag der deutschen Einheit

Vor 12 Jahren befreite Helmut Kohl den 17. Juni von seiner nationalen Bürde

Der 17. Juni 1953 dürfte den älteren Lesern des Sudelbuchs, die im Westen aufgewachsen sind, noch als ein Tag in Erinnerung sein, an dem die viel zitierten Sonntagsreden gehalten wurden. Wer in seiner Jugend einmal einer der in der alten Bundesrepublik üblichen Feierstunden beiwohnen musste oder konnte, die zumeist unter freiem Himmel vor einem den deutschen Ostgebieten gewidmetem Denkmal stattfanden, dürfte ein Leben lang vor falschem Pathos gefeit sein, falls er nicht zu denjenigen gehört, die erst dann aufleben, wenn die Worthülsen immer bombastischer, und die Inhalte immer diffuser werden.

Der Arbeiteraufstand in der DDR, der für die meisten von uns ebenso weit zurücklag wie der zweite Weltkrieg oder die Kreuzigung Jesu Christi, wurde im Osten von der SED und im Westen von den Vertriebenenverbänden dermaßen rücksichtslos für die jeweils eigenen Zwecke missbraucht, dass der Abscheu vor der Selbstfeier der Unbelehrbaren im Westen und der ewig Recht behaltenden Partei im Osten auf das Ereignis selbst abgefärbt hat. Mit dem 17. Juni 1953 wollte niemand etwas zu schaffen haben.

Um den Ereignissen des 17. Juni 1953 annähernd gerecht zu werden, braucht es Abstand und zwar nicht zu den Ereignissen selbst, sondern zu der Zeit, in der sie in steifen Gedenkzeremonien verklärt oder von willfährigen Ost-Intellektuellen verteufelt wurden. 12 Jahre, nachdem Helmut Kohl den Tag der deutschen Einheit in seinem göttlichen Ratschluss auf den 3. Oktober festgelegt hat, scheint diese Zeit endlich gekommen zu sein. Die willigen Intellektuellen aus dem Osten, die nicht müde wurden, der Roten Armee für ihr Eingreifen zu danken, halten endlich das Maul, und die käsigen Revanchisten und Vertriebenen haben spätestens am 3. Oktober 1990 das Interesse am 17. Juni verloren.

Durch Helmut Kohls kalendarischen Federstrich ist der 17. Juni also gedenktechnisch von der Bürde der deutschen Einheit befreit worden. Er geistert herrenlos durch den politisch-historischen Terminkalender und sucht eine neue Bestimmung. Und überall sucht man danach. Die Grünen luden zu einer Neuentdeckung des 17. Juni ein, das Parlament beging eine würdige Feier und den Deutschen ging der heutige Tag wie immer am Arsch vorbei, mögen die Medien auch noch so viele herzzerreißende Dokudramas über den Volksaufstand in der DDR senden.

Dabei ist der 17. Juni 1953 der ideale Gedenktag für alle gescheiterten Aufstände, Revolten, Volksbewegungen und Bürgerinitiativen, deren historische Wahrheit von Funktionären, Blendern und Berufspolitikern gestohlen und verdreht wurde. Es müssen ja nicht immer gleich Blut und Tränengas fließen. Sind doch die Methoden längst viel subtiler geworden. Bärbel Schäfer erreicht in einer halben Stunde mehr Arbeiter und Proleten als Rudi Dutschke in seinem ganzen Leben!

Tag der gescheiterten Bürgerinitiative, das wäre der ideale Titel für den 17. Juni! In dieser Rolle könnte er uns einmal im Jahr daran erinnern, dass die Macht nur deshalb vom Volke ausgeht, um nie wieder zu ihm zurückzukehren. Das mussten 1953 die Arbeiter in ihrem Arbeiterstaat erfahren, 1990 die Helden von Leipzig beim Anblick der D-Mark und am heutigen 17. Juni die gesetzlich Krankenversicherten. – *Solingen am ehemaligen Tag der deutschen Einheit

Leserbrief schreiben